Meier glaubt an die Zukunft des Bezahlfernsehens in Deutschland
BVB-Manager Meier: Eigener Bezahlsender der Liga denkbar

BVB-Manager Michael Meier über teure Kicker, Sponsoringverträge und die Zukunft des Fußballs im TV.
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Wir gratulieren zur Deutschen Meisterschaft, Herr Meier. Der ersten deutschen Fußballaktie hätte das doch eigentlich Auftrieb geben müssen. Stattdessen gilt die BVB-Aktie an der Börse eher als Abstiegskandidat. Wie erklären Sie sich den Fall auf einen neuen Tiefstand mit der Meisterschale in der Hand?

Das kann ich mir ehrlich gesagt auch nicht recht erklären. Vermutlich hängt es damit zusammen, dass nun Meisterprämien für unsere 25 Spieler fällig werden. Wie hoch die sind, darüber verhandeln wir gerade.

Spiegelt sich in der Aktienbewertung nicht vielmehr die Ungewissheit über die Zukunft der TV-Vermarktung wieder?

Das spielt sicher auch eine große Rolle. Noch weiß niemand, wie die Fernsehlandschaft in der kommenden Saison aussehen wird und wieviel Geld wir bekommen werden. Ganz zu schweigen davon, dass unser bisheriger Rechtepartner, die KirchMedia, den Vereinen der ersten und zweiten Liga noch gut 80 Millionen Euro für die gerade beendete Spielzeit schuldig ist.

Glauben Sie denn, dass Sie die 80 Millionen noch bekommen werden?

Man soll die Hoffnung nie aufgeben. Und noch ist KirchMedia nicht insolvent. Sie hat den Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens gestellt, das ist ein entscheidender Unterschied. Irgendwer wird die Rechte schon übernehmen. Denn die Fußball-Bundesliga ist ein äußerst lukratives Produkt. Sie ist möglicherweise sogar noch viel mehr wert, als bisher dafür bezahlt worden ist.

Das hört sich nach lautem Heulen im dunklen Wald an. Alle potentiellen Abnehmer wollen deutlich weniger bezahlen als bisher. Wie soll da für Sie am Ende mehr herausspringen?

Natürlich wird jeder TV-Sender versuchen, Fußball möglichst günstig einzukaufen. Aber warten wir doch mal ab, bis der Wettstreit der Bieter wieder los geht. Uns muss nur gelingen, diesen Preiswettbewerb zu beleben. Da liegen schon alle auf der Lauer. Und die wissen sehr genau um den Wert der Ware Fußball. Beim Free-TV gibt es mit den öffentlich-rechtlichen und den privaten Sendern mehrere Optionen. Im Pay-TV gibt es halt bislang nur Premiere.

Gerade hat KirchPayTV Insolvenz angemeldet. Glauben Sie überhaupt noch an die Zukunft des Bezahlfernsehens in Deutschland?

Auf jeden Fall. Einen reinen Fußballsender, oder vielleicht einen Sportkanal, in dem noch die Formel 1 mit angeboten wird, das hat doch bisher noch niemand richtig versucht. Bei Premiere sah das Konzept doch viel diffuser aus. Fußball gab es bis vor kurzem doch nur im Zwangspaket mit Spielfilmen. Aber Schumi, Bayern, Borussia und Schalke - damit wären die beiden Top-Sportarten, die regelmäßig die mit Abstand höchsten Einschaltquoten erzielen, auf einem gemeinsamen Kanal zu sehen. Wenn das funktioniert, hat Pay-TV in Deutschland eine Chance. Und könnte auch rentabel für alle Beteiligten sein.

Dazu müsste jemand bei Premiere einsteigen?

Jetzt warten wir erst einmal ab. Etwa wie sich Rupert Murdoch verhält, der hat ja ein Wörtchen mitzureden bei der Zukunft von Premiere. Zuletzt gab es auch Anzeichen dafür, dass Bertelsmann wieder Interesse am Bezahlfernsehen hat. Eins steht fest: Wenn Premiere erhalten bleiben soll, dann ist es ganz klar auf den Fußball angewiesen. Für die ist Fußball überlebensnotwendig.

Und wenn Premiere doch dichtmacht und Murdoch nicht einsteigt?

Dann wird die Liga zusammen mit Investoren Wege finden müssen, einen eigenen Bezahlsender aufzubauen.

Ist das finanzielle Risiko nicht viel zu groß?

Natürlich können wir jetzt nicht die Schublade aufmachen, eine Milliarde Euro rausholen und einen eigenen Kanal starten. Wir wohnen nicht im Wolkenkuckucksheim. Wir bräuchten geeignete Partner mit viel Fernseherfahrung oder dem entsprechenden finanziellen Potential.

Premiere ist trotz der Fußballübertragungen nicht über 2,4 Millionen Abonnenten hinausgekommen. Sind Sie nicht etwas blauäugig?

Mein erstes Sporterlebnis im Fernsehen waren die Olympischen Spiele von 1960 in Rom. Da war ich elf Jahre alt, habe jeden Tag in Lünen in der Kneipe gesessen, eine Cola getrunken und mir alles angeschaut, vom Ruderachter bis zum Springreiten. Jeden Tag. Andere Leute haben ihre Wohnzimmer leer geräumt, da musste man einen Groschen mitbringen als Kind und konnte dann zugucken. Die Nachbarn haben damals so ihren neuen Fernseher finanziert...

...Meiers Bezahlfernsehen...

Stimmt, das war schon eine Art Pay-TV. Aber da gibt es diese Konstante: Die Leute sehen gemeinsam fern. Premiere hat zwar nur 2,4 Millionen Abonnenten, aber es hat wesentlich mehr Zuschauer. Gehen Sie mal am Samstag in die Kneipen, wo die Fans zusammen Fußball gucken.

Ist das nicht vielmehr ein Indiz dafür, dass Fußball im Pay-TV für viele Fans schlichtweg viel zu teuer ist?

Ich kann das nicht mehr hören, alle sagen, Fußball im Fernsehen ist nicht bezahlbar. Das stimmt doch überhaupt nicht. Fußball ist eben in Deutschland im Fernsehen noch nie als Einzelprodukt angeboten worden. Und da liegt der Hase im Pfeffer: Es war doch nicht der Sport, sondern es waren die Spielfilmverträge, die Kirch zu Mondpreisen mit den Hollywoodstudios abgeschlossen hat, die ihm das Genick gebrochen haben.

Aber glauben Sie wirklich, Sie können wieder die Preise erzielen, die Kirch bezahlt hat? Das waren 1,5 Milliarden Euro für vier Spielzeiten.

Was meinen Sie denn, wie viele Abonnenten der Fußball Premiere beschert hat? Von den 2,4 Millionen, die jedes Jahr treu und brav ihre insgesamt eine Milliarde Mark an Kirch überwiesen haben, hat sicher der Großteil das Abo nur wegen der Fußballübertragungen bestellt. Ohne Fußball wären die Verluste bei Kirch sicher noch höher ausgefallen.

Angeblich sehen sich 90 Prozent der Premiere-Zuschauer ohnehin nur die Spiele von fünf Top-Mannschaften an, darunter Bayern, Schalke und der BVB. Wäre es da nicht sinnvoll, um die Kosten zu senken, die Zahl der Livespiele im Bezahlfernsehen zu reduzieren?

Sie werden mich jetzt nicht dazu bringen, einen Keil in die Liga zu treiben. Sie haben aber sicher Recht damit, dass sich die Kosten der Berichterstattung deutlich reduzieren ließen, wenn man statt neun nur fünf Spiele live zeigen würde. Mir hat ein Experte vorgerechnet, dass man so pro Spieltag eine ganze Menge einsparen könnte. Ich könnte mir vorstellen, dass Premiere-Chef Georg Kofler auf seinem Sparkurs auch da genau hinsieht. Früher hat es bei Premiere schließlich auch nur zwei Live-Spiele gegeben.

Ihre Begeisterung fürs Pay-TV in allen Ehren, aber auch Sat 1 sagt, mit der Bundesliga habe man bislang kein Geld verdient. Und RTL hat sich mit dem europäischen Fußballverband UEFA angelegt, um die Rechtekosten für die Champions League zu drücken.

Die versuchen natürlich alle vor dem Hintergrund der Werbeflaute, Kosten zu drücken, wo sie nur können. Das ist wie in der Autoindustrie: Wenn es der Mutter schlecht geht, sollen die Zulieferer bluten. Aber wir sind keine Zulieferer. Der Fußball ist auch für einen Free-TV-Sender wie Sat 1 lebenswichtig. Die brauchen uns für ihr Image. Werbekunden, die im Umfeld von "ran" schalten, kaufen möglicherweise auch Spots in anderen Umfeldern. Das heißt, Fußball hat eine ganz wichtige Zug- und Imagefunktion für die Free-TV-Sender.

Ist es nicht ein Hauptproblem des Fußballs und auch ein Hemmnis bei all Ihren Pay-TV-Plänen, dass Fußball in Deutschland ein öffentliches Gut ist? Beim Fußball gehen selbst Politiker auf die Barrikaden, siehe WM-Rechte oder die Verlegung von "ran" auf 20 Uhr.

Ja sicher ist das so. Wenn es um Fußball geht, kann jeder mitreden. Und jeder hat das Gefühl, ihm gehöre auch ein Stück davon. Es wird nicht mehr sachlich diskutiert, sondern nur noch emotional und populistisch gelärmt. Die Leute müssen aber begreifen, dass Fußballclubs auch Unternehmen sind. Alle wollen sie die Lucios, Amorosos, Elbers und Kahns in der Bundesliga sehen. Aber irgendwer muss die auch bezahlen. Wir Vereine müssen unsere Ware Fußball optimieren, auch im Verkauf.


Werden Sie Ihre Mannschaft in der kommenden Saison überhaupt weiter optimieren können? Für ein WM-Jahr ist der Transfermarkt der Profispieler nahezu unheimlich ruhig.

Rekordtransfers wie im vergangenen Jahr, als Zidane für 150 Millionen Mark von Juventus Turin zu Real Madrid ging, wird es in diesem Jahr nicht geben. Wie in Deutschland werden auch in den anderen europäischen Ligen die Gürtel enger geschnallt.

Sie waren gerade erst in Glasgow bei einem Treffen der 14 wichtigsten Fußballclubs Europas - ist man sich dort einig über eine Begrenzung der Gehälter und Transfersummen?

In dieser Diskussion muss man sehr vorsichtig sein, denn wir bilden ja kein Kartell, das die Preise im Markt diktiert. Aber es ist sehr deutlich spürbar, dass gerade die italienischen Vereine mittlerweile sehr sensibel sind, was die Spielergehälter betrifft. In den vergangenen Jahren haben die ja die TV-Einnahmen mit der Gießkanne direkt auf ihre Kader gekippt. Da setzt endlich ein Umdenken ein.

Müssen sich die Spieler in Deutschland auf kleinere Gehälter einstellen?

Die Spieler werden umdenken müssen. In Zukunft wird bei den Verträgen der Faktor Leistung eine noch größere Rolle spielen als bisher schon. Wir werden ein geringeres Basisgehalt vereinbaren, das dann je nach Leistung und Erfolg der Mannschaft aufgestockt wird. Es kann nicht so sein, wie damals bei Thomas Berthold, der sich bei Bayern München auf die Tribüne gesetzt hat und sagte, ihm sei das egal, ob er spielt, er verdiene ja auch so das gleiche Geld.

Das bedeutet, dass Sie bei Erfolg in Meisterschaft und Champions League deutlich höhere Ausgaben haben werden. Riskieren Sie da nicht finanzielle Engpässe?

Nein, das sicher nicht. Denn unsere Einnahmenseite reagiert genau so: Haben wir Erfolg, zahlen unsere Sponsoren deutlich mehr. Wir haben dort sehr stark leistungsbezogene Verträge vereinbart. Wenn dann noch die garantierten Antrittsgelder wie jetzt in der Champions League dazu kommen, kann man schon mit Zusatzeinnahmen in Höhe von 30, 40 Millionen Mark in der Saison rechnen.

Welches Volumen hat Ihr Vertrag mit Ihrem Hauptsponsor E.On? Bayern München bekommt von der Telekom als Hauptsponsor angeblich 120 Millionen Euro bis 2008?

Wenn wir alle Prämien erhalten sollten, die möglich sind, bewegen wir uns in ähnlichen Dimensionen. Wir sind ganz offensichtlich ein sehr wertvoller Werbepartner geworden. Denn was ist in den vergangenen Jahren passiert? Große Unternehmen haben fusioniert. Gleichzeitig haben sie ihren Fokus immer stärker über die nationalen Grenzen hinaus auf internationale Märkte gerichtet, insbesondere auf Europa. Entsprechend verbinden sich die großen Unternehmensmarken mit den großen Brand-Names im Fußball, die international, im besten Fall in der Champions League antreten.

Wird es denn die Bundesliga in dieser Form und mit den Spitzenvereinen wie Dortmund in zehn Jahren überhaupt noch geben?

Ja, da bin ich mir ganz sicher.

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