Meier: „Ruhe bewahren“
BVB nun unter Zugzwang

Den Verantwortlichen von Borussia Dortmund war die Lust aufs Feiern gründlich vergangen. So sehr sich der Vize- Präsident des WM-Organisationskomitees Wolfgang Niersbach als Moderator auch mühte, beim siebten "WM-Countdown" des Jahres in Dortmund wollte keine rechte Stimmung aufkommen. Die Nachricht von den Kreuzbandrissen bei den Profis Torsten Frings und Evanilson sorgte für mehr Gesprächsstoff als die "Liebeserklärungen" der WM-Organisatoren für das Westfalenstadion.

HB/dpa DORTMUND. BVB-Präsident Gerd Niebaum schüttelte noch Stunden nach dem Bekanntwerden des sportlichen Super-GAU ungläubig den Kopf: "Zwei Kreuzbandrisse in einer Mannschaft in nur einem Spiel - das hat es in der 40-jährigen Bundesliga-Geschichte noch nicht gegeben."

Mit einem Schlag ist die Zuversicht beim Vorjahresdritten dahin, von der Aufbruchstimmung am Ende einer passablen Vorbereitung nur wenig geblieben. Ganze zwei Wochen vor dem ersten Punktspiel beim Revierrivalen FC Schalke 04 sind die von Matthias Sammer in akribischer Kleinarbeit erstellten Konzepte nur noch Makulatur. Obwohl bei der Suche nach Lösungen nur wenig Zeit bleibt, will BVB - Manager Michael Meier nichts überstürzen: "Mit unkontrolliertem Aktionismus ist keine Lösung herbeizuführen. In einer solchen Situation muss man Ruhe bewahren."

Erste Krisensitzungen blieben ohne Ergebnisse, weitere sollen folgen. Zentrales Thema: Die bisherige Zurückhaltung der Borussen auf dem Transfermarkt dürfte angesichts der personellen Rückschläge kaum noch aufrecht zu erhalten sein. Will der BVB seine Saisonziele nicht schon früh verspielen, wird er sich ungeachtet der schwierigen Kassenlage bis zum Transferschluss Ende August nach neuen Spielern umsehen müssen. Zwar behauptete Meier, "diese schwierige Situation auch mit Profis aus den eigenen Reihen meistern zu können", klang dabei aber wenig überzeugend. Die Worte von Trainer Matthias Sammer waren da schon deutlicher: "Die Spielerdecke war schon vorher dünn, jetzt ist sie zu dünn. Das reicht nicht aus." Als erster Profi auf der Dortmunder Wunschliste wird Bernd Schneider gehandelt, der im Falle eines Abstiegs von Bayer Leverkusen vermutlich ohnehin nach Dortmund gewechselt wäre. Doch noch liegen die Vorstellungen beider Vereine offenbar weit auseinander. "Wir sind nicht bereit, die Forderungen von Leverkusen zu erfüllen", sagte Meier trotzig. Und auch Bayer-Manager Ilja Kaenzig fand im Kölner Stadt-Anzeiger (Freitag-Ausgabe) deutliche Worte: "Schneider ist kein Lückenbüßer. Das sähe nach Nottransfer aus, das wird dem Spieler nicht gerecht." Ohnehin würde Bayer den Nationalspieler für eine Ablösesumme von über sechs Mill. ? lieber ins Ausland transferieren.

Neben Schneider gilt Zdenek Grygera als aussichtsreicher Kandidat. Nach Informationen der tschechischen Presse ist das Interesse der Borussia an einer Verpflichtung des 23 Jahre alten Abwehrspielers wieder aufgeflammt. Der BVB soll sich bereits vor einigen Wochen beim ehemaligen Rosicky-Club Sparta Prag nach dem Nationalspieler erkundigt, den Transfer aus finanziellen Gründen jedoch verworfen haben.

In der Not scheint sogar die Rückkehr des abtrünnigen Abwehrspielers Fernandez ein Thema zu sein. "Es gibt Rauchsignale aus Argentinien. Und die besagen, dass Dortmund doch nicht so schlecht ist", meinte BVB-Sportmanager Michael Zorc vielsagend. Fernandez war Anfang Juli ohne Erlaubnis des Vereins in sein Heimatland abgereist und hatte aus Unzufriedenheit mit dem Thema BVB abgeschlossen. Selbst Trainer Sammer signalisierte Bereitschaft zur Versöhnung: "Normalerweise wäre das für mich kein Thema. Aber erstens ist die Situation nicht normal. Und zweitens muss man dem Spieler zugute halten, dass er noch sehr jung ist."

Während die Vereinsführung fieberhaft nach Lösungen sucht, macht sich innerhalb der Mannschaft eine Jetzt-Erst-Recht-Stimmung breit. Leitwolf Stefan Reuter warb im Beisein zahlreicher Prominenter wie DFB-Teamchef Rudi Völler, WM-OK-Präsident Franz Beckenbauer, Popstar Sascha und Film-Regisseur Sönke Wortmann nicht nur für ein WM- Halbfinale in Dortmund, sondern kündigte auch eine Trotzreaktion seiner Mitstreiter im BVB-Trikot an: "Im Jahr 1995 hatten wir ähnliches Verletzungspech. Da mussten wir mit den Jung-Profis Ibrahim Tanko und Lars Ricken im Sturm spielen, sind aber dennoch deutscher Meister geworden."

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