Meinungsforscher messen dem Presse-Echo mehr Einfluss bei als dem Fernsehauftritt
Der Nixon-Effekt kann im TV-Duell Wählerstimmen kosten

Davon ist Manfred Güllner vom Meinungsforschungsinstitut Forsa überzeugt. "Wenn der Wahlkampf drei Prozentpunkte mehr oder weniger ausmacht", sagt er, "wird das TV-Duell bei der Zuspitzung auf Personen, die wir zur Zeit erleben, immer mehr an Bedeutung gewinnen."

HB DÜSSELDORF. Eine Umfrage von Infratest Dimap bestätigt diese Einschätzung. Vor wenigen Tagen hatte das Institut repräsentativ nach der Relevanz der TV-Duelle gefragt. Für 58 % der Befragten ist es wichtig, sich vor der Wahl durch den Schlagabtausch noch einmal ein Bild von den Kandidaten machen zu können.

Verlässliche Daten werden die Demoskopen in Deutschland erst im September besitzen. In den USA ist die Bedeutung dagegen längst unbestritten. Als 1960 John F. Kennedy im legendären Fernsehduell gegen Richard Nixon antrat, urteilten Radiohörer, der amtierende Vizepräsident Nixon habe die Argumente auf seiner Seite gehabt. Für die mehr als 60 Millionen Zuschauer an der Mattscheibe ging aber nicht der unrasierte und gesundheitlich angeschlagene Nixon als Sieger aus der Veranstaltung - sondern Kennedy, wie Befragungen der Marktforschungsgesellschaft Albert Sindlinger ergaben. Nixon verlor die Wahl knapp. Seitdem trainieren die US-Präsidentschaftskandidaten intensiv für ihre Fernsehshows.

Aus dieser Erfahrung ziehen die deutschen Demoskopen vor allem eine Lehre: Beim knappen Rennen kann der inszenierte Showdown im Wahlkampf entscheidend werden, auch wenn Inhalte und Programme grundsätzlich wichtiger sind. "Es gab schon Fernsehduelle mit überraschendem Ergebnis", sagt Thomas Petersen vom Institut für Demoskopie Allensbach.

Das haben auch die Kandidaten erkannt. Unionskandidat Stoiber legte vor einer Woche in "ZDF Direkt" einen souveränen Auftritt ohne peinliche Versprecher und trockene Bandwurmsätze hin. Am Montab Abend steigt Medienkanzler Schröder in den Ring, um seine Anhänger zu mobilisieren. Beiden Kontrahenten ist klar, dass sie keine Fehler machen dürfen. Sie hätten mehr zu verlieren als zu gewinnen, glaubt Bernd Gäbler, Chef des Adolf Grimme Instituts. "Sollte ein Kandidat brutto für netto verwechseln oder sich arrogant zeigen, dann wird sich das negativ auswirken", sagt er. Mit dem positiven Effekt, dass ein Kandidat durch das Fernsehduell erst so richtig durchstartet, rechnet er nicht. "Wenn das Fernsehduell ein bis zwei Prozentpunkte ausmacht, muss schon einer der Kandidaten katastrophal unterliegen", sagt auch Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen.

Dabei kann die Medienberichterstattung über das Duell mehr Einfluss ausüben als die Sendung selbst, wie eine Studie des US-Soziologen Kurt Lang ergab. 1976 verließ Gerald Ford triumphierend seinen Schlagabtausch mit Jimmy Carter. Er war überzeugt, gewonnen zu haben, was Umfragen direkt nach dem Duell belegten. Allerdings verteilte die US-Presse bessere Noten an Carter. Mit wachsendem Abstand zum Duell setzte sich in den Umfragen immer mehr der Eindruck durch, Carter habe den Schlagabtausch gewonnen. "Auch bei uns wird das Medienecho entscheidend", sagt Hans Mathias Keppling von der Universität Mainz.

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