Meldung vorzeitig durchgesickert: Aufsicht ermittelt gegen Commerzbank

Meldung vorzeitig durchgesickert
Aufsicht ermittelt gegen Commerzbank

Montagabend, 19 Uhr 07: Über die Bildschirme flimmert eine brisante Meldung der Nachrichtenagentur Reuters: "Finanzkreise - Commerzbank mit 360 bis 380 Millionen Euro Vorsteuerverlust." Die Aktie der angeschlagenen Bank geht auf Talfahrt, und reißt auch am Dienstag andere Finanztitel mit in die Tiefe.

FRANKFURT/M. Gerade in der Krise sickern immer häufiger kursrelevante Unternehmensnachrichten an die Öffentlichkeit, kurze Zeit bevor eine Adhoc-Mitteilung herausgegeben wird. Die Finanzaufsicht BAFin will den Fall Commerzbank jetzt untersuchen. Die Quartalszahlen der Bank wurden bereits im August und November 2002 vorab von Nachrichtenagenturen richtig gemeldet. Prüfungen der BaFin hätten aber ergeben, dass nicht gegen die Adhoc-Pflicht verstoßen wurde, sagte eine BaFin-Sprecherin.

Auch die Hypo-Vereinsbank (HVB) hatte in der Vergangenheit mit undichten Stellen zu kämpfen. Kurz nach wichtigen Aufsichtsratsitzungen sind immer wieder Geschäftszahlen an die Öffentlichkeit gedrungen - sehr zum Ärger des Vorstands. "Es wurde schon diskutiert, die Herrentoilette mit Wanzen zu bestücken", heißt es bei der HVB. Erst in der vorigen Woche drang noch während der laufenden Aufsichtsrat-Sitzung die Meldung nach außen, dass Personalchef Paul Siebertz vor der Ablösung stehe. Das "Loch im Aufsichtsrat" sei inzwischen abgedichtet, heißt es aus der Bank.

Aktionärsvertreter sind erbost: Thomas Hechtfischer von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) bezeichnet die Praxis als "sehr lästig und schädlich", da damit Informationsvorsprünge geschaffen würden. Bei Adhoc-Mitteilungen ist gesichert, dass ein großer Kreis die Nachricht gleichzeitig erfahren kann. Allerdings betont Hechtfischer, dass nicht jede vorzeitige Veröffentlichung von Geschäftszahlen ein Verstoß gegen die Mitteilungspflichten bedeutet. Entscheidend sei, dass die vorab veröffentlichten Zahlen außerhalb der Erwartungen von Analysten lägen - und damit kursrelevant seien. Das war am Montag allerdings der Fall: Die durchgesickerten Zahlen der Commerzbank lagen deutlich unter den Erwartungen der Analysten, weshalb der Aktienkurs deutlich absackte. Analysten hatten nur mit einem Vorsteuerverlust von 150 bis 312 Mill. Euro gerechnet.

Commerzbank scheint Sache peinlich zu sein

Der Bank könnte aber helfen, dass es nur die vorläufigen, noch nicht von den Wirtschaftsprüfern testierten Zahlen seien und zudem nur eine Bandbreite genannt wurde, sagte eine BaFin-Sprecherin. Der Commerzbank scheint die vorzeitige Veröffentlichung auch dieses Mal höchst peinlich zu sein, glaubt sich aber was die rechtliche Seite angeht auf der sicheren Seite. Ein Verstoß gegen die Adhoc-Pflicht liege wohl nicht vor, sagte ein Sprecher. Auch nicht bei der Nennung einer möglichen Dividende von zehn Cents: Dies sei nur eine "Idee", keine Tatsache. Schließlich könne sich der Aufsichtsrat erst dann für einen Dividendenvorschlag entscheiden, wenn der endgültige Abschluss vorliege.

Aktionärsschützern und Analysten reicht die Gesetzestreue allein aber nicht aus. Markus Straub von der Schutzgemeinschaft für Kleinaktionäre geht einen Schritt weiter: "Gerade Unternehmen wie die Commerzbank, die sich in einer schwierigen Situation befinden, sollten jede Meldung als adhoc-pflichtig betrachten." Besonders in Zeiten der Baisse seien die Märkte derart sensibel und nervös, dass die kleinste Nachricht kursrelevant sein könnte. Hechtfischer glaubt, dass rund 80 Prozent der vorab veröffentlichten Nachrichten absichtlich vom Vorstand oder Aufsichtsrat gestreut würden. Das Kalkül: Der Kursabschlag auf eine sehr schlechte Nachricht könnte deutlich geringer ausfallen, wenn die Märkte vorbereitet würden.

Oftmals verweist die Unternehmensführung darauf, dass sie nicht wisse, wer die Gerüchte verbreite. "Wir suchen das Loch in unserem Haus und werden es stopfen", sagte ein Commerzbank-Sprecher. "Doch selbst wenn es sich lediglich um undichte Stellen im Unternehmen handelt, muss die Unternehmensführung die Verantwortung übernehmen", sagt Straub. Auch Analysten sind wütend: "Nach unserer Einschätzung ist es sehr unprofessionell für ein Dax-Unternehmen, Zahlen vorab zu veröffentlichen", kommentiert Sal.- Oppenheim-Analyst Thomas Rothäusler. Dies scheine das reguläre Berichtsmuster der Commerzbank zu werden, bedauert er.

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