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Menschen – emanzipierte Kostenfaktoren

SASCHA TAMM HANDELSBLATT, 9.7.2003BERLIN. Im 20. Jahrhundert hatten Sozialisten auch im Westen über lange Zeit politische Macht - auch wenn eher die gescheiterten kommunistischen Experimente im Osten das Gedächtnis prägen. Die Analyse des Soziologen Norman Birnbaum, eines anerkannten linken Theoretikers, befasst sich also mit einem wesentlichen Aspekt neuerer Geschichte.

Seine "Vorletzten Anmerkungen zum Sozialismus" vermitteln viele Details über das Auf und Ab des Einflusses der Sozialisten in Westeuropa und den USA. Sie offenbaren dabei einige intellektuelle Arroganz - und ein paar fundamentale Probleme linken Denkens. Dazu zählt ein ökonomisches Verständnis, das dem vorvorletzen Jahrhundert entstammt: Das "Kapital" muss eingedämmt werden, damit es nicht zerstörerisch wirkt (auch wenn zähneknirschend eingeräumt wird, dass kapitalistisches Wirtschaften produktiver sei).

Zugleich beharrt Birnbaum auf dem emanzipatorischen Anspruch des Sozialismus und hält Europas Sozialisten vor, sie hätten sich zu wenig um die "gesellschaftliche und moralische" Erziehung gekümmert. Nur widerspricht die Forderung nach "Erziehung" zu mehr Solidarität zu großen Teilen der beschriebenen Geschichte sozialistischer Regierungen. Denn die hatten Erfolg, wenn sie Wohltaten an große Wählergruppen verteilten. Das als praktizierte Solidarität zu kennzeichnen, zeigt das ganze Dilemma sozialistisch gedachten Fortschritts. Denn in einem hat Birnbaum recht: "Bürger sind keine Kostenfaktoren". Was er verschweigt: Erst der sozialdemokratische Wohlfahrtsstaat hat sie dazu gemacht.

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