Menschen fliehen vor US-Luftangriffen - Arme bleiben zurück
In Kabul gibt es genug zu Essen - aber nur wenige Käufer

Schon lange vor Beginn der amerikanischen Militäraktion haben internationale Hilfsorganisationen auf die schlimme Hungersnot in Afghanistan hingewiesen. In der Hauptstadt Kabul ist in diesen Tagen von Lebensmittelknappheit allerdings wenig zu spüren.

ap KABUL. Es ist Erntezeit, und die Märkte sind voll mit frischem Gemüse und Obst. Einige der Waren sind sogar billiger als vor Beginn der Luftangriffe am 7. Oktober. Die Händler beklagen einzig und allein das Ausbleiben der Käufer.

Viele Bewohner haben Kabul bereits kurz nach den Terroranschlägen in den USA vom 11. September in Erwartung einer Vergeltungsaktion der Amerikaner verlassen. Sie flohen in kleinere Orte oder über die Grenze ins Nachbarland Pakistan. Diejenigen, die zurückblieben, sind zumeist arm und haben nicht das Geld für die Flucht. Und sie haben auch nicht genug Geld, um die auf den Märkten angebotenen Waren zu kaufen.

"Die Preise sind heute niedriger, aber die Leute sind nicht in der Lage, sich irgendetwas zu kaufen", sagt der Händler namens Amanullah. Sein Holzkarren ist beladen mit Tomaten, Karotten, Kartoffeln, Spinat und sogar mit ein paar Orangen. "Einige kaufen sich ein paar Tomaten, das ist aber auch schon alles", klagt Amanullah. Viele seiner Kunden seien aus Furcht vor den US-Angriffen geflohen.

Monate vor den Terroranschlägen in den USA haben die Vereinten Nationen wegen der schlimmsten Dürre in Afghanistan seit Jahrzehnten vor einer Versorgungskrise gewarnt und die internationale Gemeinschaft zur Soforthilfe aufgerufen. Wegen der Bombenangriffe sind die Hilfslieferungen nach Angaben von UN-Mitarbeitern unterbrochen, aber nicht gestoppt worden. Im Oktober gelang es dem Welternährungsprogramm (WFP) noch, Mehl für etwa 350 000 Menschen nach Kabul zu bringen.

Nicht nur deshalb geht es der Hauptstadt verglichen mit ländlichen Gegenden noch relativ gut. "Kabul ist nicht von der Dürre betroffen", sagt Lindsey Davies, die Sprecherin des WFP in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad. Das größte Problem in Kabul sei die mangelnde Kaufkraft. Amanullah und andere Händler können dies nur bestätigen. "Es ist eine Stadt von Bettlern und Armen", seufzt Amanullah.

Das Gemüse, das in Kabul verkauft wird, kommt von den Feldern, die um die Hauptstadt herumliegen, sowie aus der Provinz Nangarhar im Osten und aus Pakistan. Das Nachbarland hat zwar seine Grenzen für die meisten Flüchtlinge geschlossen, für den Handel sind sie jedoch offen. Die großen Märkte Kabuls liegen in der Altstadt. Die Stände sind aufgebaut vor den Häuserruinen aus der Zeit des vierjährigen Bürgerkriegs, aus dem die Taliban 1996 als Sieger hervorgegangen sind.

Fleisch deutlich teurer geworden

Der billigste Reis kostet auf dem Markt in Kabul zurzeit 65 000 Afghanis (3,27 Mark/1,67 Euro) pro 6,75-Kilogramm-Sack. Seit Beginn der US-Luftangriffe am 7. Oktober fiel der Preis um knapp ein Drittel. Viele Bewohner Kabuls sind jedoch zu arm, um selbst diese gefallenen Preise bezahlen zu können.

Fleisch gehört zu den Produkten, die in den letzten Wochen deutlich teurer geworden sind. In einem Geschäft hängen geschlachtete Kälber, Schafe und Lämmer an rostigen Haken. Die Käufer bleiben aus. Ein Kunde, Mohammed Rassul, kommt in einem Rollstuhl in den Metzgerladen von Abdul Madschid. Der ehemalige Landwirt wurde vor Jahren im Bürgerkrieg schwer verwundet. Rassul kauft ein Pfund Fleisch. "Die Ärzte sagen, ich brauche die Vitamine und Proteine. Deshalb kaufe ich jede Woche einmal Fleisch", sagte er. Eigentlich sollte er jeden Tat Fleisch essen. Aber wer könne sich das schon leisten, meint Rassul resignierend.

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