"Menschenmögliches versuchen"
Bayer-Balanceakt zwischen Triumph und Tragik

Für die Bayer-Profis ist es nicht nur ein Kampf David gegen Goliath, sondern nach den verspielten Trophäen in Meisterschaft und DFB-Pokal auch der gegen Mitleid und das Image des ewigen Verlierers.

dpa GLASGOW. Im Finale der Titel-Trilogie balanciert Bayer 04 Leverkusen ein letztes Mal zwischen Triumph und Tragik. "Wir werden alles Menschenmögliche versuchen, um die Sensation zu schaffen", versprach Bayer-Chefcoach Klaus Toppmöller vor dem Champions-League-Endspiel am Mittwoch (20.45 Uhr/RTL live) in Glasgow gegen Real Madrid.

Für die Profis aus der rheinischen Provinzstadt ist es nicht nur ein Kampf David gegen einen Fußball-Goliath, sondern nach den verspielten Trophäen in Meisterschaft und DFB-Pokal auch der gegen Mitleid und das Image des ewigen Verlierers.

"Es ist die Chance, vieles wieder gut zu machen", sagt Nationalspieler Bernd Schneider. Torwart Hans-Jörg Butt sieht es ähnlich: "Ein Erfolg würde alle zum Schweigen bringen, die jetzt wieder von der Loser-Mentalität sprechen." Trainer Toppmöller baut aber für den nicht unwahrscheinlichen Fall vor, dass sein Team am Schluss einer grandiosen Saison nur Gewinner der zweiten Plätze wird. "Dann geht die Welt nicht unter. Die Mannschaft hat im Prinzip drei Endspiele erreicht und Großartiges geleistet", meinte der 50-Jährige.

Bayer ist Außenseiter

Um aus dem bisherigen Titel-Trauma noch einen Traum zu machen, muss der deutsche Vize-Meister gegen das spanische Starensemble mit Zinedine Zidane, Luis Figo oder Raul Titanenarbeit leisten. Zumal die Werkself mit Zé Roberto (Gelb-Sperre) und Abwehrchef Jens Nowotny (Kreuzbandriss) zwei ihrer besten Vorarbeiter zu ersetzen hat. "Wir sind keine Traumtänzer und wissen, gegen wen wir spielen", meinte Bayer-Manager Reiner Calmund. "Doch ich erwarte, dass die Mannschaft noch einmal kratzt und beißt, wenn 800 Millionen Zuschauer am Fernsehen zusehen." Die Chance auf die Erfüllung eines "wunderschönen Traums" liegt laut Calmund aber nur bei fünf bis zehn Prozent.

Schließlich feierten die Madrilenen schon 1998 und 2000 zwei Triumphe in der "Königsklasse", erteilten der Bayer-Elf 2000/01 in der Champions League (2:3 und 3:5) zwei Lektionen und besiegten 1960 schon Eintracht Frankfurt im Glasgower Hampden Park mit 7:3. Allerdings zeigte sich Real ausgerechnet im Jahr seines 100. Bestehens verwundbar, verlor den spanischen Pokal gegen Deportivo La Coruna und landete in der Meisterschaft nur auf Platz drei. "Madrid ist die beste Mannschaft der Welt. In entscheidenden Spielen hat es jedoch Nerven gezeigt, daran ziehen wir uns hoch", sagte Bayer - Mittelfeldstar Michael Ballack, den Real gern verpflichtet hätte. "In einer Partie ist alles möglich", glaubt der künftige Münchner vor seinem letzten Spiel für Bayer.

Außerdem setzt Leverkusen darauf, dass die stolzen Spanier die Profis aus dem Rheinland trotz der in dieser Spielzeit errungenen Meriten - Siege über La Coruna, FC Barcelona, Juventus Turin, FC Liverpool und Manchester United - unterschätzen. "Vielleicht erwischen wir sie als krasser Außenseiter auf einem falschen Fuß", hofft Toppmöller. Kollege Vicente del Bosque ist jedoch gewarnt: "Toppmöller schiebt uns die Favoritenrolle zu. Wir lassen uns aber nicht einschläfern und wissen, dass es in Glasgow viel zu tun gibt." Dass die Last für die Madrilenen, den Titel-Coup endlich zu schaffen, erdrückend sein könnte, glaubt del Bosque nicht: "Dieser Druck ist normal für uns." Zusätzlicher Anreiz ist die 330 000-Euro-Prämie für jeden seiner Stars.

Auch Real ist angeschlagen

Meister-Taktiker Toppmöller, der nach dem Pokal-Knockout gegen Schalke 04 vor allem als Psychologe gefragt war, will mit einer Vorwärtsstrategie zum Erfolg kommen. "Real hat auch viele Spiele gemacht und ist angeschlagen. Wir werden uns nicht verstecken", erklärte Toppmöller, der für Zé Roberto wohl den Neu-Nationalspieler Thomas Brdaric im linken Mittelfeld aufbieten wird. Der flinke Oliver Neuville, der bereits im Halbfinale gegen ManU die entscheidenden Tore schoss, wird als einzige Spitze aufgeboten. Der im DFB - Pokalfinale gesperrte Boris Zivkovic übernimmt die Nowotny-Rolle, und Zoltan Sebescen dürfte auf der rechten Defensiv-Position aufgeboten werden.

"Wir wollen alle das Letzte aus unserem Körper herausholen, aber wir brauchen auch ein wenig Glück", weiß Carsten Ramelow. An Menschen, die es ihm und seinem Team wünschen, mangelt es nicht. "Leverkusen hat eine tolle Saison gespielt. Deshalb wünsche ich Bayer, dass es den Cup nach Deutschland holt", sagte der Toppmöller- Vorgänger am Rhein, Berti Vogts. Auch Bayern Münchens Trainer Ottmar Hitzfeld, der mit seinem Team im Viertelfinale an Madrid gescheitert ist, setzt auf einen Bayer-Erfolg: "Ich bin überzeugt, dass Leverkusen das Endspiel gewinnen kann."

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