Menschenrechtler „tief besorgt“
Thailands Drogenkrieg fordert bislang 2000 Tote

Im sonst so friedlichen Thailand tobt - international fast unbeachtet - ein blutiger Drogenkrieg. Die Bilanz in nur zwei Monaten: mehr als 2000 Tote. Seit die Regierung in Bangkok am 1. Februar Drogen den Kampf angesagt hat, fallen pro Tag im Durchschnitt 30 Menschen Schießereien zum Opfer.

HB/dpa BANGKOK. "Die Rauschgifthändler bringen sich aus Angst vor Verrat gegenseitig um", heißt es - mit einem Schulterzucken - von offizieller Seite. Doch bei Menschenrechtlern schrillen angesichts der unablässigen Gewaltorgie die Alarmglocken. Und kaum einer schenkt den Beteuerungen der Behörden Glauben.

"Die Fakten zeigen, dass, selbst wenn manchmal Drogenbanden dahinter stecken, die Dealer von der Polizei zum Schweigen gebracht werden", ist sich der Oppositionsführer und frühere thailändische Regierungschef Chuan Leekpai sicher. "Und die Regierung hat dazu Grünes Licht gegeben". Der Direktor von Amnesty International (AI) in Thailand, Srirak Plipat, pflichtet bei: "Es gibt weiterhin Grünes Licht, einfach zu loszuballern", sagte Srirak. Von Gerichtsmedizinern sei zu erfahren, dass in vielen der Leichen keine Kugeln mehr zu finden seien. Und oft lägen die Drogen, abgepackt in Plastik, allzu offensichtlich als Beweis neben den Toten.

Gefürchtet sind die "Schwarzen Listen" des Innenministeriums, auf denen sich die Namen von fast 42 000 Menschen finden - nach offizieller Lesart "Zielobjekte zur Überwachung". Doch seien viele davon inzwischen tot, heißt es in Bangkok. Provinzgouverneure seien von Oben angewiesen, in einem bestimmten Zeitraum ein Viertel der Verdächtigen auf den Listen "loszuwerden", versichert Srirak. Danach müsse dann das nächste Viertel angegangen werden. "Niemand weiß, wie diese Listen zu Stande kommen."

Dass das Drogenproblem in Thailand in den vergangenen Jahren immer größere Ausmaße angenommen hat, ist unbestritten. Nach offiziellen Angaben gelangen jedes Jahr aus dem benachbarten Birma 700 Millionen Pillen der Designerdroge Methamphetamin über die grüne Grenze in das Königreich. Drei Millionen der 63 Millionen Thais schlucken demzufolge die Tabletten, die dort "Yaa baa" heißen, zu Deutsch "verrückte Medizin". 300 000 Menschen sollen abhängig sein. "Vor der Anti-Drogen-Kampagne konnte man die Pillen in jedem Laden kaufen", berichtet AI-Direktor Srirak Plipat. "Es hat jeden Bereich der Gesellschaft erfasst, nicht nur die unteren Klassen."

Entsprechend konnte sich Regierungschef Thaksin Shinawatra öffentlicher Unterstützung sicher sein, als er zum 1. Februar eine harte Hand gegen die landesweite Drogenszene ankündigte. Erst seit vor einigen Wochen ein neunjähriger Junge Opfer einer Schießerei im Zusammenhang mit der Kampagne wurde, nimmt der Rückhalt in der Bevölkerung ab, werden immer häufiger kritische Fragen gestellt. Die thailändische Regierung zeigt sich indes gegen alle Bedenken immun. Nur 46 Menschen seien von Polizisten getötet worden - in Notwehr, wie Polizeisprecher Pongsapat Pongcharoen beteuert. Zudem hätten die Behörden bislang rund 47 000 Verdächtige festgenommen und fast 13 Millionen "Yaa baa"-Pillen beschlagnahmt.

Auch dass sich die Vereinten Nationen inzwischen "tief besorgt" über das Blutbad äußertern, ficht Premier Thaksin nicht an. "Die UN sind nicht mein Vater", polterte er zurück. Und: "Wenn die UN fragt - wir können alles erklären. Wir haben keine Angst." Doch auch in der Europäischen Union wächst die Besorgnis über das tägliche Morden. "Die EU überlegt, wie zu reagieren ist", heißt es von Diplomaten in Bangkok. Vorerst sieht man allerdings auch dort kein Ende der Gewalt: "Das wird so weitergehen, bis das Problem erledigt ist."

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