Merkel bricht Urlaub ab
Schwierige Rückkehr

Sommerurlaube sind für Regierungschefs heikle Momente. Es gilt, Paparazzi abzuwehren. Im schnelllebigen Medienzeitalter plagt Kanzler zudem die ständige Sorge, dass sich die Stimmungslage im Land verändern könnte. Und ohnehin hört das Regieren nie auf, wie Angela Merkel derzeit besonders zu spüren bekommt.

BERLIN. Bundeskanzlerin Angela Merkel hing in ihren Urlaubsorten Sexten in Südtirol und Bayreuth oft am Hörer oder SMS verschickte. Als Merkel wegen der Nahost-krise am Donnerstag vorzeitig wieder im Kanzleramt eintraf, konnte sie immerhin zufrieden sein, dass keine peinlichen Fotos entstanden waren. Doch in den Umfragen ist nicht nur die CDU, sondern auch die Kanzlerin während des Sommers auf neue Tiefststände gerutscht. Und beim Blick in die "Bild"-Zeitung musste Merkel zudem feststellen, dass nicht etwa ihre Rückkehr nach Berlin den Boulevard bewegt, sondern Altkanzler Gerhard Schröder: Er beherrscht die Titelseite, weil er ein zweites russisches Kind adoptierte.

Die Kanzlerin wirkte dagegen merkwürdig abwesend. Sicher, auch US-Präsident George W. Bush macht Sommerurlaub. Aber er trat angesichts der außenpolitischen Krise dennoch öffentlich auf. Merkel dagegen tauchte trotz der Debatte über einen politisch heiklen Bundeswehreinsatz im Libanon medial ab. Dafür musste sie sich anders als der Urlauber Tony Blair zwar keine offene Kritik anhören. Aber als unglücklich wurde dies in den eigenen Reihen sehr wohl empfunden. Etliche CDU-Politiker fühlten sich zunächst orientierungslos, weil ihre Parteichefin partout keine öffentliche Linie vorgeben wollte.

Immerhin trafen sich die Koalitionsspitzen am Mittwoch zur Abstimmung in Bayreuth. Dorthin hatte Merkel ihre Partner anreisen lassen, weil sie seit dem 11. August den gesamten "Ring" von Richard Wagner ansah. Nach dem Gespräch huschte sie, in ein blaues Seidentuch gewandet, prompt wieder ins Festspielgebäude - stumm. Es folgte nur eine dünne schriftliche Erklärung der Koalitionsspitzen, dass die Regierung zu einem Libanon-Engagement bereit sei. "Unglücklich", meint ein CDU-Politiker.

Auch nach ihrer Rückkehr nach Berlin trat Merkel am Donnerstag zunächst nicht öffentlich in Erscheinung. Hinter den Kulissen beriet sie über den möglichen deutschen Beitrag. Um 18.30 Uhr empfing die Kanzlerin dann in der Regierungszentrale die Fraktionsvorsitzenden und Obleute des Außen-, Innen- und Verteidigungsausschusses. Erst am späten Abend trat sie dann vor die Presse.

Die folgende kontroverse Debatte dürfte ein Vorgeschmack auf rauere Zeiten für die Kanzlerin sein. Denn die Opposition wittert, dass sich der Wind möglicherweise dreht. Anfangs hatten FDP und Grüne ihre Kritik an der schwarz-roten Koalition nie auf die populäre Kanzlerin gerichtet. Doch nun schießt etwa Grünen-Fraktionschef Fritz Kuhn fast täglich direkt gegen Merkel. Auch die FDP fordert die Kanzlerin in der Bundeswehrfrage "persönlich" zum Handeln auf. Spöttisch verweisen Oppositionspolitiker auf das Programm an Merkels letztem Wagner-Abend in Bayreuth: Gegeben wurde die "Götterdämmerung".

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