Merrill Lynch warnt vor Euphorie
Hoffnung auf Jahresendrally an Wall Street

Die US-Märkte zeigen sich zum Wochenauftakt überraschend stark. Der Dow Jones Index legt zur Mittagsstunde hundert Punkte zu und steht bei 9910 Zählern. Die technologie-orientierte Nasdaq gewinnt 25 Punkte.

NEW YORK. Auf der Gewinnerseite stehen zum Wochenauftakt fast alle Sektoren. Offensichtlich ist das Vertrauen der Anleger in den Markt stärker als noch in der letzten Woche zu befürchten gewesen wäre. Die beiden großen amerikanischen Indizes hatten im Strudel von Gewinnwarnungen und Entlassungen deutlich verloren. "Alles halb so wild", denken sich die Marktteilnehmer heute, und Joseph Rooney, Portfolio Stratege bei Lehman Brothers, gibt ihnen recht. Er erwartet im kommenden Jahr einen Anstieg des globalen Aktien Index um 16 Prozent. Damit wären Aktien im Jahr 2002 das attraktivste Anlageinstrument.

Ganz anders sehen das - zumindest mittelfristig - die Analysten von Merrill Lynch. Der Dow Jones habe seine Grenze leicht oberhalb der 10 000 Punkte, die Nasdaq leicht über den 2 000 Punkten, sagt Richard McCabe von Merrill Lynch. Der Aktienmarkt dürfte in den ersten drei bis sechs Monaten des neuen Jahres den Rückwärtsgang einschlagen und die Tiefstpunkte vom September nochmals testen. Folgen dürfte eine dauerhafte und kräftigere Erholung im weiteren Jahresverlauf und bis ins Jahr 2003-2004 hinein.

Es ist "Merger Monday" - zahlreiche Fusionen dominieren das Tagesgeschehen. Das weltgrößte Biotech-Unternehmen Amgen hat die Übernahme von Immunex bestätigt. Analysten heißen den Deal aus gut. Immunex hat mit dem Arthritismittel Enbrel ein Blockbuster-Medikament auf dem Markt, das die Amgen-Produktpalette, unter anderem mit dem Konkurrenzpräparat Kinberet, perfekt ergänzt. Amgen wächst nach der Fusion zu einem 72 Milliarden Dollar schweren Branchengiganten. Aktien von Immunex legen fast elf Prozent zu, Papiere von Amgen gewinnen 3,5 Prozent.

Eine der größten Fusionen in der Medienbranche ist am Morgen über die Bühne gegangen: Das französische Konglomerat Vivendi Universal wird für 10,3 Milliarden Dollar die Entertainment-Sparte von USA Networks übernehmen. Der Kauf des Film- und Fernsehbereichs sichert Vivendi den Zugang zu rund 82 Millionen Haushalten in den USA. Analysten sehen in der Akquisition von USA Networks einen entscheidenden Schritt für Vivendi, den Großkonzernen AOL Time Warner und Walt Disney Konkurrenz zu machen. Papiere von Vivendi gewinnen 5,5 Prozent, USA Networks legt drei Prozent zu.

Der Kreuzfahrtanbieter P&O Princess hat ein Übernahmeangebot von Carnival Cruises abgelehnt, um den bereits im November verhandelten Merger mit Royal Caribbean durchziehen zu können. Die Fusion mit Royal Caribbean würde die Marktposition des eigenen Unternehmens stützen, die Partner passten besser zusammen, heißt es. Dennoch verlieren die Aktien von Royal Caribbean angesichts der unerwarteten Gegenoffensive des Wettbewerbes acht Prozent, Carnival Cruises gibt ein Prozent ab, die Aktie der umworbenen P&O Princess klettern um sechs Prozent ins Plus.

Negative Nachrichten kommen am Morgen aus dem Airline-Sektor. Offenbar zeichnet die rasche Erholung der Papiere der Carrier kein zutreffendes Bild von der wahren Entwicklung des Marktes. Nach bereits angekündigten 100.000 Entlassungen in der Branche hat Delta Airlines zusätzliche Einsparungen bekannt gegeben. Ein Teil der Piloten soll für einen Monat Urlaub nehmen - unbezahlt. Delta hat sei September die Flugpläne um 16 Prozent gekürzt und benötigt entsprechend weniger Flugpersonal. Delta verliert zwei Prozent, die Branche gibt 2,3 Prozent ab.

Nicht besser geht es den Automobilherstellern - zumindest Ford steht erneut auf der Verliererseite. Das Wall Street Journal berichtet, dass Ford über eine dauerhafte Senkung der Produktionszahlen nachdenkt und Entlassungen erwägt. Negative Analystenkommentare drücken ferner auf die Aktie: Goldman Sachs senkt die Ertragsprognosen für 2002 von 35 Cents pro Aktie auf Null. Die Analysten stufen die Aktie nur noch mit "halten" ein. Ford verliert vier Prozent, General Motors handelt schwach behauptet, und alleine DaimlerChrysler steht mit 3,4 Prozent im grünen Bereich.

Größter Verlierer im Einzelhandelssektor ist K-Mart. Bereits am Freitag hat die Kreditagentur Moody's der Kreditstatus von 4,7 Milliarden Dollar nicht abgesicherter Verbindlichkeiten auf "Junk"-Status ("Müll") abgestuft. Kmart meldete vor gut zwei Wochen einen Verlust von 224 Millionen Dollar für das dritte Quartal. Die Aktie verliert elf Prozent, in den letzten sechs Monaten hat das Papier schon mehr als die Hälfte seines Werts verloren.

Gute Nachrichten kommen hingegen vom Kommunikationschip-Hersteller Conexant, der im ersten Geschäftsquartal besser abschneiden wird, als bisher erwartet worden war. Gegenüber dem vierten Quartal wird der Umsatz voraussichtlich um zehn Prozent steigen. Ursprünglich hatte Conexant lediglich mit einer Steigerung um fünf bis sieben Prozent gerechnet. Die Aktie legt zum Wochenauftakt mehr als acht Prozent zu.

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