Meteorologen rechnen mit Verschlimmerung
Flutkatastrophe dehnt sich aus

Die verheerenden Hochwasserfluten treiben in Deutschland immer mehr Menschen in die Flucht, zerstören Existenzen und verwüsten ganze Landstriche. Zehntausende Betroffene mussten in den Krisengebieten ihre Häuser verlassen. Hab und Gut trieb in den schlammigen Fluten. Bislang starben neun Menschen durch die Wassermassen.

HB/dpa HAMBURG. Fast 100 Menschen wurden durch die reissenden Ströme verletzt. Helfer aus dem ganzen Land unterstützten die Rettungskräfte in den Krisenregionen Süd- und Ostdeutschlands, wo durch die Fluten Milliardenschäden entstanden. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) rief zu einer großen nationalen Anstrengung zur Überwindung der Katastrophe auf.

Am Mittwoch erreichte die Jahrhundertflut auch Sachsen-Anhalt. Die bayerische Donaustadt Regensburg wurde von einer riesigen Flutwelle erfasst. In Dresden kämpften zehntausende Menschen verzweifelt gegen die Wassermassen und aus Tschechien rollte eine neue Elbe-Flut auf Sachsen zu. Meteorologen gehen nach Berechnungen der tschechischen Behörden von einer dramatischen Verschlimmerung der Hochwassersituation für Ostdeutschland in den kommenden Tagen aus.

Bundeskanzler Schröder erklärte, es sei eine Sache für ganz Deutschland, die Schäden zu reparieren. "Das Werk von zehn Jahren ist in einer Nacht zerstört worden", sagte Schröder, der in Begleitung von Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) die von der Katastrophe schwer betroffene sächsische Kreisstadt Grimma an der Mulde besuchte. Außenminister Joschka Fischer und Umweltminister Jürgen Trittin (beide Grüne) besuchten am Mittwoch das Hochwassergebiet in Dessau (Sachsen-Anhalt). Die Bundesregierung will die Opfer in Deutschland mit Hilfen von insgesamt 400 Millionen Euro unterstützen.

Meteorologen rechnen mit Verschlimmerung

"Der Abfluss der Elbe in Richtung Deutschland, der jetzt schon in Usti weit über normal liegt, wird sich dann noch verdoppeln", warnte der Meteorologe Jörg Kachelmann. "Diese gewaltige Welle muss irgendwo hin. Für Sachsen und Sachsen-Anhalt wird es in den kommenden Tagen ganz, ganz schlimm - der jetzige Zustand in Ostdeutschland ist erst der Anfang." Auf den offiziellen Wasserstandstabellen Tschechiens lag der Pegel der Elbe bei Usti nad Labem (Aussig) am Mittwochmittag bei etwa 7 Metern. Für den Donnerstagmorgen wurden 11 Meter erwartet.

Nach den verheerenden Überschwemmungen der vergangenen Tage in Sachsen und Bayern bahnten sich die Wassermassen nun auch in Sachsen- Anhalt unaufhaltsam ihren Weg: Im Landkreis Bitterfeld trat die Mulde über die Ufer und überschwemmte die Orte Jeßnitz und Raguhn. Eine Evakuierungsaktion für 7 000 Bewohner war bereits am Dienstagabend angelaufen. In Dessau waren mehr als 700 Helfer pausenlos im Einsatz. 4 500 Menschen wurden in Sicherheit gebracht. Auch im weiteren Verlauf der Elbe, darunter in Magdeburg, begannen die Behörden, sich auf eine mögliche Katastrophe vorzubereiten.

Dramatische Szenen in Sachsen

Dresden rüstete sich gegen neue Fluten. Die Elbe in der 400 000- Einwohner-Stadt hatte sich am Mittwochmittag zunächst bei 6,90 Metern eingepegelt. Wann der befürchtete Höchststand von 8 bis 8,50 Meter in der Landeshauptstadt erreicht wird, könne derzeit nicht genau vorhergesagt werden, sagte Klaus Jeschke vom Umweltministerium. "Eine genaue Zeit traut sich niemand zu sagen."

In anderen Teilen Sachsens spielten sich dramatische Szenen ab. Bei einem Rettungsversuch mit dem Hubschrauber in Freital stürzte eine 76-jährige Frau ab und starb im Krankenhaus. Insgesamt starben in Sachsen acht Menschen, 95 wurden verletzt. Von der Versorgung abgeschnittene Orte im Erzgebirge sollten voraussichtlich erst in der Nacht zum Donnerstag wieder erreichbar sein. Auch in Baden- Württemberg wurde nach Überschwemmungen in den vergangenen Tagen ein Ertrunkener gefunden.

Im bayerischen Regensburg stieg die Donau am Mittwoch viel schneller als erwartet. Die Stadt wurde von einer riesigen Hochwasserwelle erfasst, die befürchtete Katastrophe blieb jedoch aus. Mit einem Scheitelpunkt von 6,59 Meter erreichte das Hochwasser am Mittag exakt den gleichen Wert wie die Jahrhundertflut im Jahr 1988. Am Nachmittag begann der Pegel leicht zu sinken. Die Behörden hatten vorsorglich eine Turnhalle für Gerettete vorbereitet. Entlang des Donauufers wurden Straßen und Plätze überflutet. Einen befürchteten Dammbruch konnten die Hilfskräfte im Dauereinsatz vorerst verhindern. Katastrophentouristen behinderten die Arbeit. "Wir haben fast drei Kilometer lang Stege aufgebaut", berichtete ein Sprecher der Einsatzleitung. 50 000 Sandsäcke wurden bis zum Mittwoch verbraucht.

Passau zwischen Aufatmen und Verzweiflung

In Passau begannen bei sinkenden Pegelständen zwischen Aufatmen und Verzweiflung die Aufräumarbeiten. Mehrere hundert Tonnen Schlamm und Schutt müssen mit Baggern, Schaufeln und Feuerwehrschläuchen beseitigt werden. An den Wänden der ufernahen Häuser hat das Wasser den Rekord-Pegel von 10,81 Metern mit schmutzigen Rädern markiert. «Ich habe nichts mehr, ich bin fix und fertig», klagte ein Restaurantbesitzer.

Im Mittelpunkt des am Mittwoch vom Bundeskabinett beschlossenen 12-Punkte-Hilfsprogramms stehen 100 Millionen Euro Sofortunterstützung für jene Opfer, die bei den Überschwemmungen Hab und Gut verloren haben und Schäden nicht aus Eigenmitteln oder Versicherungen begleichen können. Kanzler Schröder rief zu Spenden auf. Die Schäden dürften immens sein, allein in Sachsen geht es um Verluste in Höhe von mindestens einer Milliarde Euro.

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