MG-Technologies-Chef Neukirchen über die Rezession und die Folgen
Auch Sport vom Wirtschaftstief betroffen

Kajo Neukirchen ist mit Leib und Seele Krisenmanager. Und Realist. Der Chef der früheren Metallgesellschaft und heutigen MG Technologies glaubt nicht an eine schnelle Konjunkturwende und sieht als Stiftungsrats-Mitglied der Sporthilfe auch den Sport vom Wirtschaftstief betroffen.

HB FRANKFURT. Wenn die Deutsche Sporthilfe am 2. Februar zum Ball des Sports lädt, wird es in der Frankfurter Festhalle an Wirtschaftspromis nicht mangeln. Im Kuratorium der Stiftung sind schließlich jede Menge Topmanager aus deutschen Unternehmen vertreten und spenden honorig Summen zwischen 5000 und 250 000 Euro für die deutschen Olympiasportler. Das ist schön und wichtig für die Athleten, doch noch schöner und wichtiger wäre es, wenn ein Titan aus der Wirtschaftswelt im großen Stil für den Sport in die Firmenschatulle greifen würde.

Zwischen Rehrückenfilet und Schokomousse werden potenzielle Kandidaten wohl wieder von den Sporthilfe-Verantwortlichen auf ihre Bereitschaft zur großen Gabe abgeklopft. Die Unternehmer werden im Ballsaal freundlich lächeln und unverbindliche Worte sagen, aber nichts unternehmen, was die Sportfunktionäre in den Zustand kollektiven Jubels versetzen würde. Und selbst wenn letztere dann bitten und bohren und betteln, mit einem Argument ist das Begehr schließlich vom Tisch gewischt.

Momentan, so wird die Antwort lauten, können wir nichts machen. Die Konjunktur lahmt und sie wird es wahrscheinlich noch länger tun. Sorry, da können wir nicht großartig in den Sport einsteigen. So oder ähnlich haben sie sich für den Abend des 2. Februar die Sätze schon zurechtgelegt. Denn so leicht wie in der rezessiven Gegenwart konnten sich die Herren Manager selten aus der "Geld-für-den-guten-Zweck"-Geschichte herausstehlen.

Das weiß natürlich auch Karl-Josef Neukirchen. "Die schlechte Wirtschaftslage wird auf das Sportsponsoring negativen Einfluss haben", sagt Kajo, der Krisenmanager ("Wie Sie wissen, habe ich hin und wieder mit Krisen zu tun gehabt"). Neukirchen ist nicht nur Boss der früheren Metallgesellschaft und heutigen MG Technologies in Frankfurt, sondern auch Mitglied im Stiftungsrat der Sporthilfe. Dort tauchen mit von Pierer, Frenzel oder Weber zudem die Vorstandsvorsitzenden von Siemens, Preussag und Lufthansa auf, während Daimler-Vorstand Hubbert als Vorsitzender fungiert. Im Sponsoringprogramm der Sporthilfe Deutsche Sportmarketing GmbH-Tochter (DSM), wo die größten Förderer des olympischen Sports gebündelt werden, sucht man die genannten Dax-Werte jedoch vergeblich.

"Die Budget-Verantwortlichen müssen den finanziellen Einsatz auch rechtfertigen können", verteidigt Neukirchen im Gespräch mit dem Handelsblatt den Ist-Zustand und sieht für die nationalen Vermarkter der olympischen Ringe nur eine Chance, an große Partner zu kommen. "Sie müssen sich mit den Marketingstrategien der Firmen auseinander setzen und versuchen, deren Anforderungen und wirtschaftliche Kriterien zu erfüllen." Gleichwohl gibt der Chef des einstigen Dax-Unternehmens zu, dass er für die nähere Zukunft nur "eingeschränkt optimistisch" sei. "Ich glaube, dass der Aufschwung bei weitem nicht so schnell kommen wird wie prognostiziert. Wenn jetzt schon wieder von einem Wirtschaftswachstum von 1,3 Prozent fürs Jahr 2002 gesprochen wird, halte ich das für Schönfärberei."

Und da die Situation der Wirtschaft zumindest mit einer gewissen Verzögerung auch Folgen für die Unterstützung des Sports hat, werden Bayer und andere Global Player auf absehbare Zeit wohl nicht im DSM-Programm auftauchen. In der Breite aber konnten die Olympiavermarkter zulegen und erzielten mit rund 20 Millionen Euro (für vier Jahre) ihr bislang bestes Ergebnis. Fußball und Formel 1 denken in anderen Größenordnungen.

Kajo Neukirchen auch. Doch seine Firma hat andere Sorgen als ein mögliches Engagement im Sport. Umso launiger plaudert der Vorstandschef über seine ehrenamtliche Nebentätigkeit und die Probleme des kommerzialisierten Sports. Widerstrebende Interessen? "Die Medien ziehen an der einen Seite der Bettdecke, der gesellschaftlichen Entwicklung verpflichtete Personen an der anderen." Sportarten, über die kaum noch berichtet wird? "Wissen Sie, im Konzert sitzt neben dem Dirigenten meist eine junge hübsche Frau, das ist die erste Geigerin. Weiter hinten, in Reihe vier, finden wir die Oboe. Die ist nicht so auffällig, aber ganz wichtig, damit das Orchester funktioniert. So ist das auch mit Sportarten, die selten übertragen werden."

Der Vergleich bereitet Neukirchen Freude. Er lacht kurz und kommt zum Thema zurück. Man dürfe das Thema Leistungssport nicht nur kommerziell betrachten, meint er. Es ginge um ethische Fragen, um Vorbilder und Werte. Und um Eliten. "Die braucht die Gesellschaft, um sich weiterzuentwickeln. Auch wenn es in Deutschland verpönt ist, zur Elite zu gehören", befindet Neukirchen und kommt zu dem Schluss: "Wenn jemand Leistung zeigt, kommt dabei immer etwas heraus. Immer."

Für ihn sind Begriffe wie Disziplin, Engagement oder Durchsetzungskraft nicht nur im Sport, sondern auch im Beruf von Bedeutung. "Diese Dinge stehen auf der Prioritätenliste ganz oben. Im Übrigen sollte dies auch bei Politikern und Regierungen so sein", holt Neukirchen zum kleinen Seitenhieb Richtung Schröder, Eichel & Co. aus.

Er, der Krisenmanager, kokettiert eben gern mit seinem großen Erfahrungsschatz, er liebt die Elderstatesman-Rolle. "Das Alter", sagt Neukirchen, "bringt zwar einige Nachteile mit sich. Aber auch Vorteile. Ich jedenfalls habe schon viele Konjunkturzyklen erlebt und weiß, dass alles was runtergeht, auch wieder raufgeht."

Nun ist die Sporthilfe kein Sanierungsfall. Aber tröstlich sollte diese Weisheit für die Verantwortlichen schon sein, wenn sie sich am 2. Februar Absagen einhandeln.

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