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Michael Moore und die „Zensur“

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Etwas besseres hätte Michael Moore nicht passieren können. Sein neuer Film "Fahrenheit 9/11" der jetzt in Cannes läuft, hat schon vor der Uraufführung für Wirbel gesorgt und eine Zensur-Debatte ausgelöst. Nachdem Walt Disney den Vertrieb durch die Tochter Miramax abgelehnt hatte, ist beiderseits des Atlantiks von Unterdrückung eines Bush-kritischen Films die Rede.

Schon mit der Wahl des Titels war die Zensur-Debatte vorprogrammiert: "Fahrenheit 9/11" bezieht sich auf den Science-Fiction- Klassiker "Fahrenheit 451", der vor rund 50 Jahren vor Zensur und Bücherverbrennung warnte. Wo in der Vorlage die Zahl "451" für jene Temperatur steht, bei der Bücher brennen (ca. 232 Grad Celsius), steht bei Moore die "9/11" als Symbol für die Zeitenwende 11. September 2001.

Nun kann man man den Disney- Leuten zwar vieles vorwerfen: Zweifellos sind sie um ihre liebevoll gehegten Beziehungen zu republikanischen Politikern besorgt. Und zweifellos ist es scheinheilig, wenn sie den Vertrieb des Films mit der Begründung ablehnen, im Wahljahr Polit-Polemik vermeiden zu wollen. Denn schließlich vermarkten sie gleichzeitig eine ultrakonservative Radiosendung, bei der ähnliche Gewissensbisse angebracht wären.

Zensur aber ist das noch nicht. Die Disney-Manager hatten schon vor einem Jahr, als sie ihren ersten Dollar in Moores Filmprojekt investierten, gesagt, dass Miramax für den Vertrieb nicht in Frage komme. Das Nein fiel also nicht erst auf Druck des Weißen Hauses kurz vor Veröffentlichung. Zu der unternehmerischen Entscheidung ist lediglich zu sagen, dass sie Disney selbst schadet. Denn der Film wird mit Sicherheit ein Kassenschlager, und die Zensur-Debatte trägt dazu bei.

Und leider verhilft Disney damit ausgerechnet einem Film zu Berühmtheit, der es mit der Wahrheit nicht so ernst nimmt. Laut Vorabveröffentlichung untersucht Michael Moore enge persönliche Beziehungen George Bushs zu den arabischen Dynastien Saud und Bin Laden. Er "enthülle", dass ausgerechnet Angehörige dieser Familien nach dem 11.9. unbehelligt aus den USA ausreisen durften, während brave Amerikaner fest saßen. Den Vorwurf erhob Moore bereits in seinem Buch, doch leider ist er inzwischen durch den 9/11-Untersuchungsausschuss widerlegt. Die Flugzeuge hoben erst ab, als der Luftraum geöffnet war und nach FBI-Untersuchung. Für Einflussnahme des Weißen Haus fanden sich keine Hinweise. Moore aber bleibt beim alten Informationsstand und sagte mir selbst: "Ich halte mich daran, was der FBI-Agent in meinem Film sagt".

"Fahrenheit 9/11" wird sein Publikum erreichen - mit oder ohne Disney. Die Gefahr ist nicht, dass der Film der Zensur zum Opfer fällt, sondern dass das Publikum ihm glaubt.

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