Michael Stich und Boris Becker erleben den Beginn einer späten Annäherung und verdienen gut daran
Wenig Amor, mehr Psyche

Beim Hamburger Masters fungiert Boris Becker als omnipräsenter Chairman. Michael Stich ist auch da und genießt seine Freizeit. Zwei Wimbledonsieger, zwei Einstellungen.

HB DÜSSELDORF/HAMBURG. Vor dem Players Center am Hamburger Rothenbaum haben sich die Kids versammelt. Mit Kugelschreibern und Papier bewaffnet, warten sie darauf, dass sich der einzige Star beim Tennis-Masters blicken lässt. Der spielt zwar nicht mit, heißt aber Boris Becker. Sein Schriftzug, kein Zweifel, ist noch immer heiß begehrt. Doch der Mann, der aktuell eine Frisur trägt wie früher Rod Stewart, ist nicht zu sehen - trotz der bemerkenswerten Lautstärke, mit der die Nachwuchsfans den Heroen locken wollen. Dann endlich kommt ein Wimbledonsieger. Der heißt Michael Stich. Was die Kinder eher irritiert. Sie verstummen kurz, ehe ein Knirps ruft: "Könnte ich ein Autogramm haben?"

Dass die beiden letzten Deutschen, die im Londoner Südwesten das berühmteste Tennisturnier der Welt gewonnen haben, zuletzt offenbar intensiver denn je den Beginn einer späten Annäherung erleben, ändert nichts an der seit jeher bekannten Rollenverteilung. "Ich muss nicht der Frontrunner sein - das ist ein Talent, das Boris hat. Meiner Persönlichkeit entspricht es eher, im Hintergrund zu arbeiten", sagt der 34-Jährige im Gespräch mit dem Handelsblatt. Wenn das Gekreische der jugendlichen Anhänger dem Ego eines Becker gut tut, geht es Stich wohl in erster Linie auf den Wecker.

Dennoch trifft sich das ungleiche Paar inzwischen wieder zu einträglichen Schaukämpfen auf dem Centre Court, zu Diskussionsrunden bei Beckmann oder zu Interviews fürs Tennis- Magazin. Dort ist Becker seit geraumer Zeit Herausgeber. "Überraschend, aber interessant" findet Stich dieses neue Becker-Engagement. Über die Aussichten des ehrgeizigen Kollegen, dem maladen und vom Verkauf bedrohten Hamburger Turnier eine halbwegs tragfähige Zukunft zu verschaffen, mag sich der Norddeutsche nicht äußern: "Ich kenne die Geschäftspläne nicht, das Konzept auch nur grob. Am Ende aber geht es nur um die reinen Zahlen."

Die wiederum kann man sich schönrechnen. Jedenfalls ist es wenig verheißungsvoll, dass die Werbebanden am Rothenbaum größtenteils mit Namen von Unternehmen versehen sind, mit denen Becker und Partner mittel- oder unmittelbar verbunden sind. Selbst hinter dem etwas seltsam anmutenden Schriftzug "Amor und Psyche" steckt letztlich Becker-Kompagnon Heiner Kamps. Der kennt die Designerin dieses Modelabels und bewegte sie zum Kauf einer Bande in Hamburg.

Michael Stich verkneift sich generell kritische Töne zum so genannten Chairman Becker. Der schaut sich in seiner neuen Funktion gemeinsam mit seinem stets schwarz gekleideten Medienberater Robert Lübenoff sogar Erstrundenmatches wie jenes zwischen Lars Burgsmüller und Hugo Armando an. Großes Tennis eben.

Doch was tut man nicht alles, um nach diversen Doppelfehlern in der Businesswelt mal wieder einen Punkt zu machen! Stich dagegen denkt anders. Zwar unterliefen auch ihm nach Karriereende "unforced errors", zum Beispiel als Moderator einer Pro-Sieben- Sendung namens "Der Maulwurf". Doch ansonsten dreht er bewusst nicht am großen Rad. Er kümmert sich um seine Stiftung für HIV-infizierte Kinder, betreibt mit zwei Partnern eine Rückenklinik und gibt sich gern den schönen Dingen des Lebens hin. "Ich muss nicht zehn Dinge gleichzeitig tun und auch nicht 14 Stunden am Tag arbeiten. Ich habe vielmehr das Privileg, Freizeit genießen zu können." Dazu gehören im weitesten Sinne auch jene gut besuchten Schaukämpfe.

Was würde eigentlich passieren, wenn er und Becker heute in ein gut besetztes Turnier eingreifen würden? "Spielerisch hätten wir bestimmt kein Problem. Die Physis aber würde irgendwann nachlassen." Die Chance, als Sieger vom Platz zu gehen, beziffert Stich auf ein Prozent. "Wenn der Gegner krank ist oder ein Knieproblem hat."

Wer im deutschen Tennis noch zum Hoffnungsträger taugt, ist eine andere Frage. Antworten kennt auch der ebenfalls wie Becker als Daviscup- Teamchef gescheiterte Stich nicht. "Haas ist seit Monaten verletzt, Kiefer spielt seit zweieinhalb Jahren schlechtes Tennis, und Schüttler hat es nach den Australian Open noch nicht geschafft nachzulegen." Hinzu komme, "dass sie zu wenig tun, um sich selbst zu promoten". Dass in den Fällen Haas und Kiefer das engste Umfeld wie eine Bremse wirkt, ist ein Thema, das Stich kommentarlos an sich abprallen lässt.

Während der jüngsten TV-Plauderstunde des Doppels Becker/Stich beim gemeinsamen Freund Reinhold Beckmann sorgte die vertraute Atmosphäre dafür, dass die Zunge lockerer saß. "Die Sendung war gut fürs Tennis, für den Sender, für uns", findet Stich. Der überließ Becker vor allem das Feld, wenn es um Privates ging. "Der größte finanzielle Flop war meine Ehe", stöhnte der dreifache Wimbledon-Sieger. Stich, derzeit selbst mit der Scheidung von Frau Jessica beschäftigt, meint: "Dazu würde ich mich nie äußern."

Verständlich. Und doch sind es die Momente, in denen klar wird, warum noch immer so und nicht anders über Stich geschrieben wird - heiter bis spöttisch. Als die "taz" kürzlich einen Vorbericht über die Daviscup-Retrospektive der Herren Becker, Stich und McEnroe brachte, endete der Text so: "Oh, jetzt habe ich fast nichts über Michael Stich geschrieben. Damit ist alles über Michael Stich geschrieben."

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