Michael Stoschek hat Brose zu einem der erfolgreichsten Familienunternehmen unter den Automobilzulieferern aufgebaut
Ausflug nach „Brose-City“

1,8 Milliarden Euro Umsatz hat das Unternehmen im vergangenen Jahr erzielt. Die Devise des Chefs Michael Stoschek bei allen Erfolgen: Das Unternehmen soll keine müde Mark Bankschulden haben.

Michael Stoschek liebt den Leistungssport und das Prinzip von Disziplin, Systematik und Freude am Wettbewerb. Auf seine eigene Sportlerkarriere ist der dynamische Chef des Automobilzulieferers Brose stolz. Der schnell sprechende 55-Jährige, der mit seinem Kurzhaarschnitt locker sechs, sieben Jahre jünger aussieht, war lange aktiver Springreiter, dabei zweimal Bayerns Landesmeister und einmal auf Platz 15 der deutschen Rangliste. Auch heute noch sucht er das Risiko in Grenzbereichen und fährt gemeinsam mit seinem 24-jährigen Sohn Maximilian Auto-Rallyes.

"Ich habe für mein Unternehmertum viel mehr aus dem Leistungssport mitgebracht als aus der theoretischen Betriebswirtschaft", sagt der Enkel des Firmengründers Max Brose. "Beim Leistungssport haben alle die gleichen Startbedingungen. Es gibt keine Ausreden. Der Erfolg ist absolut messbar." Das fasziniert ihn noch heute. Leistungssport sei kein Tagesgeschäft. Dahinter stecke viel Disziplin und die Systematik jahrelanger Trainingspläne. Vor allem Ludger Beerbaum bewundert der Amateur-Springreiter wegen dessen Perfektion gepaart mit dem "unglaublichen Gefühl" für Pferde.

Frei nach dem Sportmotto "Höher, schneller, weiter" führt er auch sein Unternehmen. Als Chef des erfolgreichen Automobilzulieferers muss er mit permanentem Preisdruck fertig werden. Die Produkte von Brose fahren weltweit in jedem fünften Auto mit, sind aber als Fensterheber, Sitzverstellungen und Türsysteme für die Kunden oft nicht sichtbar. 1,8 Milliarden Euro Umsatz hat das Unternehmen im vergangenen Jahr erzielt. Die Devise des Chefs bei allen Erfolgen: Das Unternehmen soll keine müde Mark Bankschulden haben.

Einen Sprung machten die Coburger im vergangenen Herbst mit der Übernahme der Schließsystem- Sparte von Bosch. Bis 2005 soll der Umsatz auf 2,2 Mrd. Euro klettern. Als eines der wenigen Familienunternehmen rangiert Brose unter den Top 60 der weltweiten Automobilzulieferindustrie und kämpft gegen die großen internationalen Zulieferkonzerne. Stoschek hat sich als Amateursportler immer gern mit den Profis gemessen. Wie im Sport fühlt er sich auch im Beruf in der Außenseiterrolle sichtlich wohl. "Wir müssen pfiffiger, schneller, flexibler und kreativer sein. Und das sind wir", sagt der Firmenchef selbstbewusst. Besonders pfiffig für ein Unternehmen in der Provinz: Kürzlich schaltete Brose Stellenanzeigen "Senioren gesucht" , um qualifizierte Mitarbeiter nach Coburg zu locken. Bei Stoschek zählt Leistung vor Alter.

Brose ist Stoschek und Stoschek ist Brose. Dabei waren die Anfänge alles andere als einfach. Schon als 23-jähriger Firmenchef erkannte er, dass der größte Feind des Familienunternehmens die Familie ist. Zusammen mit Juristen verpasste er dem Unternehmen eine Verfassung. Zentraler Punkt war ein familienunabhängiger Beirat mit letzter Entscheidungsgewalt. Das System hat sich bewährt, weil es nie gebraucht wurde. "Wir hatten in 32 Jahren nur einstimmige Gesellschafterbeschlüsse", freut sich Stoschek über die Harmonie der beiden Familien.

Der Bauhaus-Fan liebt Systematik und drückt das durch die Industriearchitektur am Südrand Coburgs aus. An der Kombination alter Fabrikgebäude mit Neubauten hat auch seine Frau, eine gelernte Innenarchitektin, maßgeblichen Einfluss. Im Volksmund heißt dieser Teil der Stadt längst "Brose-City". Klare Glas-Stahl-Konstruktionen, "aber nicht teuer", wie Stoschek betont. Wie beim Industrieparkett seien nur die kostengünstigsten Materialien verwendet worden. Die Kunst liege in der Konzeption und in der perfekten Verarbeitung.

Alle 30 Standorte weltweit von China bis Brasilien werden nach dem gleichen Muster aufgebaut. Um schneller als andere zu sein, hat Brose eigene Satellitenstrecken angemietet, über die alle Niederlassungen direkt miteinander verbunden sind. Und sollten doch persönliche Verhandlungen notwendig sein, steht eine firmeneigene Mini-Airline mit vier Flugzeugen bereit.

Brose-Mitarbeiter müssen schon Flexibilität mitbringen. Keiner in der Forschung und Entwicklung hat einen festen Arbeitsplatz. Jeder räumt abends alle seine Sachen in einen Rollcontainer. Ein Computerprogramm errechnet die günstigste Platzierung. Überstunden werden nicht mehr erfasst, dafür gibt es zusätzlich 30 Prozent Gehalt leistungsbezogen. Im Betriebsrat sitzt inzwischen kein Mitglied der Gewerkschaft mehr. In der neuen Kantine gibt es beinahe rund um die Uhr etwas zu essen. Im gleichen Bau können die Mitarbeiter im Fitnesscenter entspannen.

Auch die Produktion sieht aus wie aus dem Ei gepellt. Disziplin und Ordnung verlangt Stoschek von jedem Brosianer, transparente Abläufe und faire Behandlung gibt er zurück. "Dreck ist nicht billig", ist einer seiner Lieblingssprüche. "Wir wollen auch nach außen klar zeigen, dass wir Produkte erstellen, deren Ausschuss mit eins zu einer Million bemessen wird", sagt ein Chef mit Null-Fehler-Toleranz.

"Wer von Brose kommt, ist eisenbereift", heißt es in der Branche über die begehrten Fachleute. Stoschek ist aber kein Schleifer. Seine Mitarbeiter erinnert er gern an den Alten Fritz. Damals gab es in der preußischen Armee einen Preis für den Offizier, der unter Umgehung der Dienstvorschrift das beste Ergebnis erzielt. "Ohne Kreativität wären wir verloren", lächelt der Mann, der lieber mit dem Smart als mit dem Porsche ins Büro fährt.

Er ist dennoch in vielen Dingen ein vom Leistungsgedanken getriebener Perfektionist. Zu einem Jubiläum wollte er unbedingt ein Orchester selbst dirigieren, vielleicht weil sein Vater Generalmusikdirektor war. Er nahm wochenlang Übungsstunden, um die Aufgabe zu bewältigen. Und schaffte es.

Kaum zu glauben, dass ein Mann wie er in zwei, drei Jahren abtreten will. "Meine größte letzte Herausforderung ist eine gute Nachfolge." So richtig glaubt in Coburg aber keiner, dass der Chef loslassen kann. Schon einmal hat er vor zwei Jahren mit Aufhören kokettiert. Sein Sohn arbeitet auch in der Firma. Sein Vater hält eine familienfremde Lösung für wahrscheinlicher - auch eine Art, sanften Druck auszuüben.

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