Michail Fridman ist Gründer der russischen Alfa-Gruppe
Vom Fensterwäscher zum Milliardär

Auch im Westen ist Fridman längst kein Unbekannter mehr. Sein neuestes Amt: Chef des Aufsichtsrats von TNK BP. Aber der russische Geschäftsmann ist nicht unumstritten.

"Ich bin ein schlechter Oligarch", sagt Michail Fridman. Er interessiere sich wenig für Politik und habe auch kein Medienunternehmen in seinem Firmenimperium. Im klassischen Sinne sei er eben keiner dieser sagenumwobenen russischen Großunternehmer mit ihrer fast schon klassisch schlechten Reputation, die gemeinhin als Oligarchen bezeichnet würden.

"Auch wenn es langweilig klingt, interessiert mich eigentlich nur bisnes", beteuert er. "Bisnes" - gerne benutzt er den in die russische Sprache eingeflossenen englischen Begriff.

Der Unternehmer, den amerikanische Medien als "babyfaced" bezeichnen, lässt keine Zweifel daran aufkommen, dass er unerhört reich ist. Für das US-Magazin "Forbes" ist er 4,3 Milliarden Dollar schwer, was der stämmige 38-Jährige im eigentlichen Sinne erst gar nicht dementiert. "Ich habe keine Ahnung, wie viel ich besitze. Bargeld habe ich viel weniger. Aber meine Alfa-Bank ist natürlich viel mehr wert, als der Buchwert ausweist." Fast die Hälfte der russischen Alfa-Gruppe gehört ihm. Offiziell fungiert er als Aufsichtsratsvorsitzender der Investmentgruppe. Darüber hinaus gibt es zwei weitere russische Teilhaber.

Fridmans Geschichte klingt wie die berühmte amerikanische Erfolgsstory: vom Tellerwäscher zum Millionär - nur dass der Teller- ein Fensterwäscher war. Und er wurde nicht zum Millionär, sondern zum Milliardär.

Nach seinem Studium am Moskauer Stahlinstitut, wo er seine Frau Maria kennen gelernt hat, und einem Jahr als Ingenieur in einem Metallkombinat gründet er 1986 in den Sturm-und-Drang-Jahren der Gorbatschow-Ära die Kooperative Kurier. "Wir waren flexibel und zu großem Risiko bereit, waren im richtigen Moment am richtigen Ort", erinnert sich der gebürtige Ukrainer.

Kooperativen waren damals in der Sowjetunion erste legale Firmen. Fridman verlegte sich auf das Fensterputzen in der staubigen Hauptstadt. Damals habe er vor der Alternative gestanden, als Jude wie seine Mutter auszuwandern oder es "hier zu schaffen".

Aus dem Geld der Fensterputzkolonne formierte er seine Alfa-Gruppe: Zunächst 1989 mit Alfa-Eko und dem Handel von Zucker sowie Teppichen. Dann mit dem, was der kleine Mann mit dem großen Loft-Büro unweit des Moskauer Bahnhofsviertels so umschreibt: "Wir haben im Zuge der Privatisierung Unternehmen gekauft, die wir später wiederum an westliche Investoren verkauft haben." Bei drei Vierteln der Deals habe dies mit ordentlichem Gewinn funktioniert.

Ähnliche Geschäfte macht der Mann eigentlich auch heute noch: Vor einem Monat trat er ins Rampenlicht, als der britische Ölmulti BP mit 6,75 Milliarden Dollar zu 50 Prozent beim russischen Ölkonzern TNK einstieg. TNK gehörte zuvor je zur Hälfte Fridmans Alfa-Gruppe und der russischen Access-Renova. Vergangene Woche wurde Fridman zum Aufsichtsratschef von TNK-BP ernannt, dem drittgrößten russischen Ölförderer.

Doch die Alfa-Gruppe, die im Jahr 2001 797 Millionen Dollar Reingewinn ausgewiesen hat, ist mehr als nur ein Ölriese: Fridmans Konsortium umfasst die Alfa-Bank, eine Versicherung, die Einzelhandelskette Perekrjostok, Beteiligungen in der Telekommunikations- und Nahrungsmittelindustrie. Sein durch den Teilverkauf von TNK an BP eingenommenes Geld wolle er in ebendiese Bereiche für weitere Zukäufe in Russland und Osteuropa stecken.

Doch der erfolgreiche Geschäftsmann ist nicht unumstritten. "Ihre Mittel sind Drohungen, Betrug und Einschüchterung von Menschen", beschreibt der Gouverneur der sibirischen Kohleprovinz Kemerowo, Aman Tulejew, Alfas Geschäftspraxis. Fridman weist das ebenso zurück wie die bis heute anhaltenden Presseberichte, sein Startkapital stamme von der russischen Mafia oder kolumbianischen Drogenbaronen. "Wir sind Investoren, keine Manager", formuliert er sein Credo. Und dann äußert sich der nach eigenen Angaben Unpolitische doch noch zur Politik. Das Tempo der russischen Reformen halte er für "viel zu langsam". Zudem sorge er sich darum - sollte der Ölpreis nach einem Irak-Krieg unter 18 Dollar pro Barrel fallen und sollten so die Haushaltseinnahmen einbrechen -, ob Regierung und Präsident auch dann noch an liberalen Werten festhalten würden.

Vita: Michail Fridman

Am 21. April 1964 wird Michail Maratowitsch Fridman im westukrainischen Lwiw (der alten österreichisch-ungarischen k.u.k. Metropole Lemberg) als Sohn jüdischer Eltern mit KPdSU-Parteimitgliedschaft geboren. 1986 schließt er das Studium am Moskauer Institut für Stahl und Legierungen ab. Fast zwei Jahre arbeitet er als Ingenieur des "Elektrostahl"-Kombinats bei Moskau. Seine Wirtschaftskarriere beginnt Fridman als Gründer der Fensterputz-Firma Kurier 1988. Ein Jahr später gründet er die Investmentgruppe Alfa-Kapital in Moskau. Der Vater zweier Töchter ist Aufsichtsratsvorsitzender der Alfa-Gruppe und bei vielen von deren Beteiligungen. Fridman wird vom 1. Juli an Aufsichtsratschef des Erdöl-Joint-Ventures TNK-BP.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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