Microsoft startet neues Lizenzsystem – Konkurrenz hält sich zurück
Gates’ gewagtes Geschäftsmodell

Eine neue Lizenzpolitik von Microsoft verärgert die Kunden. Die sonst laut protestierende Konkurrenz ist verdächtig ruhig. Sie wünscht Microsoft alles Gute, denn sie dürfte von dem Vorstoß selbst profitieren.

DÜSSELDORF. Das neue Schreckgespenst des E-Business heißt "Volume Licensing 6.0". Mit seinem neuen Lizenzmodell will Microsoft Unternehmenskunden mit sanftem Druck davon überzeugen, in Zukunft jedes Software-Update automatisch mitzumachen. Wer keine Lust hat, könnte den Anschluss verlieren oder sogar seine Investitionen gefährden; nämlich dann, wenn der Support für die "alten" Systeme irgendwann einmal auslaufen wird.

Wird dann ein späteres Update auf eine "klassische" Vollversion nötig, werden saftige Aufpreise fällig: "Unternehmen werden im Endeffekt viel mehr Geld bezahlen müssen, wenn sie nur alle vier Jahre ein Upgrade kaufen", erklärt Meta Group Analyst Ashim Pal. Eine beunruhigende Vorstellung, vor allem für den Mittelstand.

Denn bislang können die Firmen - zum Leidwesen von Microsoft - ruhig mal eine Betriebssystem-Version überspringen oder das altgediente und abgeschriebene Office-Paket oder das Web-Server-Programm einfach ein paar Jahre weiter nutzen. Das spart in Zeiten knapper Kassen Anschaffungs-, Schulungs- und Einarbeitungskosten.

Schonfrist läuft am 31. Juli ab

Doch am 31. Juli 2002 läuft die Schonfrist ab. Bis dahin sollen sich die Unternehmen entschieden haben, ob sie am neuen Lizenzprogramm teilnehmen wollen. Der wichtigste Baustein im neuen Tarifgefüge heißt "Software Assurance". Das ist eine wirklich tolle Wortschöpfung, dahinter steckt ein Geschäftsmodell, das es in sich hat. Während Microsoft-Software bislang einmal und endgültig an den Kunden verkauft wurde, erhalten Teilnehmer an diesem Programm nun gegen fixe monatliche Zahlungen lediglich das Recht, die Software in diesem Zeitraum zu nutzen - ein Geschäft wie beim Kabelfernsehen.

Wer das Abo kündigt, oder die monatlichen Raten nicht mehr aufbringen kann, der steht zwar am Monatsende nicht mit schwarzen Bildschirm da. Er verliert aber bei Vertragsende die Erlaubnis, die Software weiter zu nutzen. Der Kunde hat auf einmal eine "Raubkopie". Zudem sind viele Teile der neuen Programme über das Internet mit Microsoft-Servern vernetzt - und die dürften die Schwarznutzer ebenfalls aussperren.

Eins steht jetzt schon fest: Tief ist der Griff in die Tasche des Kunden. Das ergeben Berechnungen der Gartner Group: Durch die neuen Lizenzregeln erhöhen sich die Kosten für die Nutzung von Microsoft Office - je nach Vereinbarung und Unternehmensgröße - in vier Jahren um 68 bis 107 Prozent. Gut 90 Prozent der Unternehmen, die bereits eine Kostenanalyse gemacht haben, rechnen einer Umfrage des Software-Integrationsunternehmen Sunbelt zufolge mit Mehrausgaben durch das Lizenzmodell.

Und ausgerechnet das Internet macht das neue Preismodell erst richtig möglich - und durchsetzbar. Das wohl meinte Bill Gates Anfang des Jahres sagte, dass die ".Net"-Strategie (ausgesprochen "Dotnet") das Internet künftig profitabel mache. In der rund um die Uhr vernetzten E-Business-Welt werden bald viele Programme nicht mehr komplett auf einem Computer installiert sein. Statt dessen werden benötigte Programmteile erst bei Bedarf aus dem Web geladen werden oder sogar zentral im Netz ausgeführt werden.

Microsoft verfolgt diese Dotnet-Strategie mit ausgesprochen langem Atem: Alle Microsoft-Programme jüngeren Datums sind bereits für die Netz basierte, modulare Zusammenarbeit hin ausgelegt. Die neuen Abrechnungsmodelle sind eine logische Konsequenz aus der Dotnet-Strategie. Das klassische Programm auf der Silberscheibe mit dem Preisetikett wird aussterben. Das monatliche Abrechnungsmodell für Web-Dienste und Mietsoftware ist maßgeschneidert für voll digitalisierte Geschäftsprozesse im E-Business.

Modell ist zu komplex

Obwohl Microsoft den Stichtag für die Anmeldung zur "Software Assurance" nun schon um insgesamt 15 Monate nach hinten verschoben hat, sind viele Kunden von der Komplexität des Modells noch immer überfordert. "Die große Mehrheit der Organisationen ist einfach noch nicht bereit", fürchtet Meta-Analyst Pal.

Nur 22 Prozent der von Sunbelt Befragten gaben an, Bedingungen, Kosten und Nutzen völlig zu verstehen. 45 Prozent erklärten, einigermaßen informiert zu sein, 24 Prozent räumten ein, das Modell schlicht nicht zu verstehen. Andere reagieren verärgert. Thomas Portuné von BIC Graphic in Liederbach: "Wir wollen selber entscheiden, wann wir updaten."

Unter den Verweigerern sind auch Schwergewichte wie die Continental AG aus Hannover. Der Reifenkonzern mit rund 11 Mrd. Euro Umsatz hat gut 25 000 PC-Arbeitsplätze. Auch das Logistikunternehmen Fiege (1,27 Mrd. Euro Jahresumsatz), das 11 000 Mitarbeiter weltweit beschäftigt, will auf Microsoft-Produkte verzichten. Bittere Ironie für Microsoft: Für den Versuch, ein auf voll durchdigitalisierte Geschäftsprozesse ausgelegtes Bezahlmodell zu etablieren und dies auch gegen den Willen der Kundschaft zu tun, beziehen sie ganz allein die Prügel der Verbraucherschützer.

Die Konkurrenz hingegen sieht dabei zu und reibt sich die Hände:. "Für die übrigen Software-Verkäufer ist Microsofts Vorstoß ein Geschenk Gottes", ahnt Meta-Analyst Pal. "Hat Microsoft Erfolg, können und werden die Konkurrenten ebenfalls neue Preismodelle für verlässlichen Umsatz entwickeln."

So kritisiere Sun Microsofts Lizenzmodell doch vor allem aus rhetorischen Gründen. Pal: "Wenn?s funktioniert, werden sie ein ähnliches Modell implementieren." IBM, Sun und andere Softwareanbieter arbeiten sogar schon länger als Microsoft an modularen, Netz basierten Software-Anwendungen und Web-Diensten. Noch fehlt nur das richtige Abrechnungsmodell.

Für Microsoft ist das Konzept jedoch alles andere als risikolos: Absetzbewegungen von Kunden könnten die Nummer eins an empfindlicher Stelle treffen. Denn an Konkurrenz bei Server-Software oder für E-Commerce- und B-2-B-Anwendungen hat man sich gewöhnt.

Jetzt aber regt sich Widerstand sogar auf dem Feld der Office-Software, der als uneinnehmbare Domäne von Microsoft galt. "Wir wollen in einem gewissen Zeitrahmen Microsoft von den Arbeitsplätzen weg zu bringen," sagt etwa Achim Grögeder, IT Director der EWT Elektronik und Nachrichtentechnik GmbH in Augsburg, einem Kabelnetzbetreiber mit 400 Desktop-Anwendern. Auch der Wechsel zu Open Source-Lösungen (Linux) wird dabei diskutiert - wenn auch mit Zurückhaltung, denn der Wechsel auf solche Systeme ist oft teuerer als Microsoft trotz der Preiserhöhungen treu zu bleiben.

Selbst ein fast totgesagter Konkurrent der MS-Office-Reihe feiert ein Comeback: Das Büroprogramm "StarOffice". Gartner-Analyst Jon Mein geht sogar davon aus, dass Suns Bürosoftware bis Ende 2004 etwa 10 Prozent des Marktes erobert haben wird, wenn Microsoft seine Geschäftspolitik nicht ändert. Auch Microsoft-Verweigerer Fiege testet StarOffice im Geschäftsbetrieb.

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