Microsoft und Sun streiten um Standard
Verwirrung dämpft IT-Aufschwung

Web-Services sollen der Technologiebranche einen kräftigen Auftrieb bringen - und das schon bald. Doch Streit um einen Standard und übertriebene Versprechungen der Hersteller verschrecken potenzielle Käufer.

LOS ANGELES. Die Euphorie der Anbieter neuer Internetdienste, der so genannten Web-Services, könnte kaum größer sein: Künftig sollen Computer sich ohne menschliche Hilfe verstehen und zusammenarbeiten; Rechnerleistung kommt wie Strom aus der Steckdose. Experten warnen: Die Versprechungen der Hersteller sind überzogen, die Kunden stark verunsichert.

Der versprochene IT-Aufschwung wird deshalb auf sich warten lassen, meint Michael Kuhbock, Vorsitzender des EAI-Konsortiums, eines Branchenverbandes für die Integration von Unternehmenssoftware. "Wenn ein Kunde unsicher ist, wie soll er dann eine Investitionsentscheidung treffen", fragte er am Rande einer Fachkonferenz für IT-Manager in Los Angeles. "Aus diesem Grund wird es sicher noch ein Jahr dauern, bevor wir einen wirklichen Aufschwung in der IT-Branche sehen." Eine Umfrage der Marktforscher der Gartner Group scheint dies zu bestätigen: Die IT-Investitionen werden auch im vierten Quartal 2002 nur leicht um 1,5 % zulegen, erwarten die Analysten.

Doch fast noch mehr als die vollmundigen Versprechungen der Anbieter verunsichert die Kunden derzeit der Streit zwischen den Konzernen Microsoft Corp. und Sun Microsystems Inc. um den Standard für die neue Technologie. Das Problem: Die beiden Software-Architekturen für die neuen Dienste sind nur relativ schwer zu integrieren. Wer sich jetzt für eine Architektur - entweder auf Basis von Microsofts Dot-Net-Strategie oder Suns One-Kozept mit der Programmiersprache Java - entscheidet, muss mit hohen Zusatzkosten für die Anpassung der Programme rechnen, wenn die andere Software den Kampf gewinnt.

Dabei sollten Web-Services derartige Probleme eigentlich aus der Welt schaffen - unterschiedliche Geräte mit unterschiedlichen Betriebssystemen sollten problemlos miteinander kommunizieren können. Doch offene Standards wie Extensible Markup Language (XML) und Simple Object Access Protocol (SOAP), mit denen das möglich wäre, sind erst in Ansätzen entwickelt, kritisieren die Analysten.

Die Folgen könnten für die Branche fatal sein: Denn "die IT-Verantwortlichen in den Unternehmen sind verwirrt, und die Aufgabe, die Verwirrung aufzulösen, fällt ausgerechnet den Softwareherstellern zu, denen ohnehin niemand mehr vertraut", sagt Kris Tuttle, Analyst beim Investmenthaus Soundview Technology. Beigetragen zu der Unsicherheit im Markt haben auch die Vertriebsmannschaften der Anbieter, sagt Verbandchef Kuhbock. Die Verkäufer stünden unter so starkem Druck, die vorgegebenen Verkaufszahlen im laufenden Quartal zu erfüllen, dass sie zuweilen bei den Vorzügen ihrer Software übertrieben. "Nur wenn die Erwartungen realistisch sind, kann der Kunde auch eine fundierte Kaufentscheidung treffen", sagt Kuhbock.

Doch kaum einer der IT-Verantwortlichen hat eine konkrete Vorstellung davon, was Web-Services eigentlich sind; das hat sich auch auf der Konferenz in Los Angeles gezeigt. Die Erklärung "Internet-Dienste, bei denen verschiedene Softwareanwerndungen über unterschiedliche Plattformen miteinander kommunizieren", ist zu allgemein. Für Robert Masch, zuständig für E-Business bei Equiva, einem Joint-Venture der Ölkonzerne Shell und Saudi Aramco, ist klar: "Wenn sich weder Anbieter noch Analysten auf eine gemeinsame Definition der Web-Services einigen können, dann steckt wenig Realität hinter all den Versprechungen."

Dass Web-Services - wie von den Herstellern in bunten Farben ausgemalt - die Geschäftsprozesse revolutionieren werden, glauben derzeit weder Käufer noch Marktbeobachter. "Das ist unrealistisch", sagt Daryl Plummer, Analyst beim Marktforschungsunternehmen Gartner. "Die Web-Services werden neue Geschäftsmöglichkeiten schaffen, aber Unternehmen nicht völlig umkrempeln." Gartner-Analyst Yefim Natis warnt Kunden und Hersteller: "Sie können sich auf eine Phase der Ernüchterung einstellen, denn die Web-Services werden wesentlich weniger leisten, als alle erwarten."

Quelle: Handelsblatt

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