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Microsoft – Urteil aufgehoben

Es sollte ein radikaler Schnitt in der Firmengeschichte werden. Microsoft sollte in zwei voneinander unabhängige Unternehmensteile gespalten werden. Der eine sollte Betriebssysteme entwickeln, der andere für sonstige Software zuständig sein. So entschied Richter Thomas Penfield Jackson im Frühsommer vergangenen Jahres, nachdem das Justizministerium und zahlreiche US-Bundesstaaten gegen Microsoft geklagt hatten.

Das Damoklesschwert schwingt noch, aber Microsoft nimmt den Kopf aus der Falllinie. Das Urteil wurde aufgehoben. "Wir glauben, dass einige, aber nicht alle Vorwürfe gegen Microsoft gerechtfertigt sind", begründete das Gericht die Entscheidung. Fragen zur wettbewerbswidrigen Verknüpfung des Betriebssystems mit dem Internet-Browser seien noch ungeklärt, so das US-Berufungsgericht. Das Urteil von Richter Jackson wurde aber auch aufgrund seiner deutlichen Kommentare aufgehoben. In einem umstrittenen Interview hatte er sich zum laufenden Kartellfall geäußert. Nun soll er vor einem noch zu bestimmenden Richter eines niedrigeren Gerichts erneut zur Verhandlung kommen. Die nicht enden wollende Auseinandersetzung brachte die Aktie von Microsoft im letzten Jahr zum Absturz. Dabei sahen einige Analysten einer Zerschlagung des Unternehmens sogar gelassen entgegen. Sie gehen davon aus, dass zwei kleinere Microsofts, zwei Baby-Bills, stärker sind als ein einheitlicher Großkonzern. Die Aktien von Microsoft sind am Donnerstag vor der Verkündung sprunghaft angestiegen und wurden anschließend für dreieinhalb Stunden vom Handel ausgesetzt. Anschließend verteuerten sie sich um knapp zwei Prozent. Der Fondsmanager Morten Cohen rechnet damit, dass die Papiere in der nächsten Zeit wieder steigen könnten. Aber das taten sie auch in den vergangenen Monaten, der Wert kletterte um zwei Drittel seit Jahresanfang. "Beide Seiten haben gewonnen", sagte Jim Lucier vom Investmenthaus Prudential Securities, der Softwaregigant und die Kläger. Immerhin wurde Microsoft nicht von den Vorwürfen freigesprochen. Und trotzdem gehen die meisten Experten davon aus, dass ein künftiges Urteil sehr viel milder ausfallen wird. Nicht zuletzt auch deshalb, weil US-Präsident George Bush auf das Justizministerium hinwirken wird, den Fall nicht weiter mit der ehemaligen Vehemenz zu vertreten. Die Großbank J. P. Morgan Chase hat die Aktien-Einstufung am Donnerstag angehoben und empfiehlt sie zum Kauf. Das Investmenthaus Merrill Lynch zeigte sich etwas überrascht. Er habe nicht damit gerechnet, dass das Urteil so positiv für Microsoft ausfalle, sagte der Analyst Henry Blodget. Er rechnet mit einem steigenden Aktienkurs. Das neue Betriebssystem Windows XP soll übrigens Ende Oktober mit einem Riesenwerbeaufwand in die Läden kommen soll. Schon jetzt prüfen einige US-Bundesstaaten, ob auch bei der neuen Version kartellrechtliche Bedenken bestehen. Eines hat das Unternehmen schon jetzt geändert. Windows XP wird nun doch nicht mit SmartTags ausgeliefert. Mit dieser Funktion sollten Computernutzer leichter nach Informationen im Internet suchen können. Kritiker befürchteten dabei, dass die Nutzer überwiegend auf Web-Seiten von Microsoft gelenkt werden könnten und somit die Angebote der Konkurrenz zu kurz kämen. Der Softwarekonzern ändert sein Vorhaben bereits das zweite Mal. Zunächst hieß es, dass die SmartTags in jeder Version verfügbar seien, dann sollten sie nur in den US-Programmen installiert werden. Microsoft erklärte sein Einlenken vor allem mit technischen Gründen. So würden die Features nicht rechtzeitig zum Windows-Start im Herbst fertig gestellt. Ein Unternehmenssprecher führte ebenfalls technische Probleme für den Rückzug an. © Wall Street Correspondents Inc.

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