Middelhoff erhält in den nächsten fünf Jahren weiter sein Gehalt
Ein echter Bertels-Mann soll es richten

Bertelsmann steht unter Schock. Nach dem überraschenden Rausschmiss des bisherigen Vorstandschefs Thomas Middelhoff richten sich die Erwartungen auf seinen Nachfolger Gunter Thielen.

DÜSSELDORF. Jedoch: "Thielen ist in eine Rolle gerutscht, die er gar nicht gewollt hat", sagt ein Insider. Eigentlich wollte sich der 59-jährige Chef der Bertelsmann-Drucksparte Ende August aus dem operativen Geschäft verabschieden. Das Büffet für die Feier in Gütersloh war bereits bestellt. Ein Abschiedsbüffet wird es jetzt jedenfalls nicht.

Wogen müssen geglättet werden

Thielen muss Europas zweitgrößten Medienkonzern wieder auf Kurs bringen. Der altgediente "Bertels-Mann" wird darangehen, die Wogen der Aufregung in dem Medienkonzern mit 20 Mrd. Euro Umsatz zu glätten. Dreh- und Angelpunkt dabei ist die Frage des Börsengangs. Die alte Garde um den 80-jährigen Firmenpatriarchen Reinhard Mohn hat den Ausbau des Fernseh- und Internetgeschäfts für den angestrebten Börsengang im Jahr 2005 schon länger kritisch beobachtet. Mohn hat in seinem jüngsten Interview mit der Wochenzeitung "Die Zeit" auf die Frage, ob man in drei Jahren Bertelsmann-Aktien an der Börse kaufen könne, geantwortet: "Das ist eine Möglichkeit, die vorbereitet wird. Aber ich weiß es nicht. Die Brüsseler Gesellschafter werden darüber ohnehin erst später entscheiden." Tatsächlich liegt die Entscheidung über einen Teil der Börsenpläne beim Gesellschafter Albert Frère und der belgisch-kanadischen Groupe Bruxelles Lambert (GBL), die 25 % der stimmberechtigen und 0,1 der stimmrechtslosen Aktien an Bertelsmann besitzt. Von ihm waren bis gestern keine neuen Aussagen zu hören. Demnach bleibt GBL bei seinen Börsenplänen. Die restlichen Anteile liegen mit 57,6 % bei der Bertelsmann Stiftung in Gütersloh und mit 17,3 % bei der Familie Mohn. Ursprünglich wollte Middelhoff Anteile aus dem Besitz der Stiftung und der Mohn-Familie an die Börse bringen. Dieses Vorhaben will Thielen nun zu den Akten legen.

Doch der Börsengang ist nicht die einzige Baustelle, die die neue Führungsspitze zu bearbeiten hat. Innerhalb des Konzerns mit seinen 400 Firmen weltweit gibt es jede Menge zu tun. Ganz oben steht dabei auch die für das Clubgeschäft zuständige Direct Group unter Führung des von Middelhoff geschätzten Klaus Eierhoff. Noch ist der Unternehmensbereich mit zuletzt 3,8 Mrd. Euro Umsatz und Aktivitäten in fast zwei Dutzend Ländern defizitär. Das soll sich jedoch ändern. Zwölf von 19 Clubs haben im vergangenen Geschäftsjahr bereits schwarze Zahlen geschrieben. "Und beim Rest werden die roten Zahlen kleiner", sagt ein Insider. Etwas geschehen muss auch in der Musiksparte. Die Musiktochter BMG mit ihren rund 200 Labels erwirtschaftet einen Umsatz von 3,7 Mrd. Euro, steckt dabei aber noch immer in der Verlustzone. Experten beurteilen vor allem den Kauf des Musiklabels "Zomba" als "viel zu teuer".

Auch RTL in der Krise

Auch bei Middelhoffs Hoffungsträger und größtem Umsatzbringer im Unternehmen, dem Fernsehkonzern RTL, steht nicht alles zum Besten. Der schwache deutsche Werbemarkt verhagelt dem Fernsehsender das bisher so exzellente Ergebnis. Die börsennotierte Gesellschaft mit Sitz in Luxemburg wird von Bertelsmann zu 90 % kontrolliert. Ein Rückkauf sämtlicher Aktien scheiterte am hartnäckigen Widerstand der Kleinaktionäre. Am Montag kamen Spekulationen auf, möglicherweise mittelfristig den Free Float von derzeit weniger als 10 % wieder zu erhöhen, um so dem Bertelsmann-Konzern frisches Geld zufließen zu lassen.

Denn Liquidität ist derzeit Mangelware bei Bertelsmann. Eine Anleihe von einer Mrd. Euro, die im Juni platziert werden sollte, scheiterte. Unter diesen Umständen dürfte die Bestätigung des bisherigen Finanzvorstands Siegfried Luther zum zweiten Mann im Konzern und damit zum Thielen-Stellvertreter auch als Signal an die Banken zu verstehen sein, die diese Personalie gestern mit Zufriedenheit aufnahmen.

Spekulationen um Telekom-Spitze

Für Middelhoff ist der seit Freitag diskutierte Rauswurf finanziell kein Fiasko. Der vor zwei Wochen erst verlängerte Vertrag des Ex-Vorstandschefs wurde auf fünf Jahre befristet. Die Bezüge werden trotz seiner Entlassung bis Vertragsende gezahlt, bestätigten Bertelsmann-Kreise. Angeblich handelt es sich um einen zweistelligen Millionen-Euro-Betrag. Ob sich der 49-Jährige jetzt eine Auszeit gönnt oder ob er unmittelbar weitermacht - darüber waren gestern in Gütersloh nur Gerüchte zu hören. Spekulationen, er könne an die Spitze der Deutschen Telekom wechseln, wiesen die Telekom und auch ihr Großaktionär, die Bundesregierung, umgehend zurück. Ein Telekom-Sprecher sagte lediglich: "An solchen Spekulationen beteiligen wir uns nicht." Ein Regierungssprecher verwies auf das Unternehmen: "Allein verantwortlich für die Besetzung dieses Postens ist der Aufsichtsrat."

Chancen auf einen neuen Job soll Middelhoff auch beim US-Medienkonzern AOL Time Warner haben. Der deutsche Manager und Steve Case, der einstige Chef des Onlinedienstes AOL, der nach der Übernahme von Time Warner eine zentrale Position im Konzern einnimmt, pflegen enge Kontakte. 2000 planten Middelhoff und Case die Fusion ihrer Unternehmen, doch der damalige Börsenwert des weltweit führenden Onlinedienstes war so groß, dass es für Bertelsmann wohl nur zum Junior-Partner gereicht hätte. Deshalb entschied sich der Mehrheitseigner Mohn damals gegen die Verbindung und machte Middelhoff damit zum ersten Mal einen Strich durch seine Rechnung.

Quelle: Handelsblatt

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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