Middelhoff verlässt Bertelsmann
Kommentar: Schlechte Zeiten für Visionäre

Mit Thomas Middelhoff muss ein weiterer Jung-Manager gehen, der mehr auf die Zukunft als auf die Gegenwart gesetzt hat. Jetzt zählen Solidität und Seniorität, realer Umsatz und reale Gewinne.

DÜSSELDORF. Das "Modell Sihler" macht Schule: Wie schon bei der Deutschen Telekom muss nun auch beim Medienriesen Bertelsmann ein Veteran ins Geschirr, nachdem ein forscher Verkäufer sich in seinen Visionen verrannt hat.

Der Rausschmiss von Thomas Middelhoff erinnert aber auch an den Abgang seines Freundes Jean-Marie Messier, bis vor kuzem Chef beim französischen Bertelsmann-Konkurrenten Vivendi Universal, der durch den alten Fahrensmann Jean-René Fourtou ersetzt wurde. Middelhoff und Messier waren Anhänger der Internet-Revolution und der daran geknüpften Wachstumshoffnungen, beide standen für die Integration von alten und neuen Medien und den daraus entstehenden Gewinnperspektiven.

An diese Zukunftsversprechungen, Treibstoff der New Economy und der Börsen-Hausse Ender der neunziger Jahre, glaubt jetzt keiner mehr. Angesichts der Krise von Konjunktur und Finanzmärkten werden die Management-Strategien überarbeitet - die Prinzipien der New Economy gelten dabei nichts mehr. Jetzt müssen Manager ran, die wie Middelhoff-Nachfolger Gunther Thielen für Solidität und Seniorität stehen. Jetzt zählen realer Umsatz und reale Gewinne im Hier und Jetzt.

Der so oft beschworene Generationswechsel im Management findet statt - nur in der umgekehrten Richtung. Die Netzwerke der "Old Boys" sind jetzt am Zuge, die Jungen müssen zurück ins Glied. Eine ganze Generation von Managern muss sich langsam fragen, wo ihr Platz in der Zukunft ist.

Nicht ohne Grund ranken sich schon jetzt wilde Spekulationen um die Zukunft von Thomas Midelhoff. Geht er zur Deutschen Telekom oder zu AOL Time Warner, gelockt von seinem Freund Steve Case? Zumindest letztes Gerücht steht auf wackligen Füßen: Der fusionierte US-Konzern kämpft mit enttäuschten Hoffnungen aus dem Zusammenschluss, AOL-Gründer Case konnte nicht verhindern, dass sein "Middelhoff", Online-Chef Robert Pittmann, gerade geschasst wurde. Pittmann wird vorgeworfen, zu viel versprochen und zu wenig geliefert zu haben. Schlechte Zeiten für Visionäre.

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