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Miese Geschäfte mit dem Terror

Bereits am Tag nach den Terroranschlägen in den USA haben Geschäftemacher versucht, daraus Profit zu ziehen. Unter dem Logo «Euro-Wahl» wollte ein angebliches Meinungsforschungsinstitut aus den USA von deutschen Faxgeräte- Besitzern wissen, was sie von einem militärischen Gegenschlag hielten.

dpa FRANKFURT/MAIN. Die per Fax abzugebende Antwort sollten sich die Interviewten einiges kosten lassen, nämlich 3,63 DM pro Verbindungsminute zu einer 0190er-Telefonnummer. «Die springen auf jedes aktuelle Thema drauf, um die Leute abzuzocken», sagt der Frankfurter Verbraucherschützer Markus Herweg über solche Anbieter.

«Ein kleiner Preis für mehr Demokratie» flötet die «International Research Corporation (IRC)» auf ihren Fax-Werbebriefen und reitet trotz Protesten weiter ihre gewinnträchtige Masche. Fast täglich wird eine neue Umfrage zu einem Terror-Thema gestartet, etwa ob alle Atomkraftwerke abgeschaltet oder Ulrich Wickert nach seinen unglücklichen Äußerungen über US-Präsident George W. Bush weiterhin die Tagesthemen moderieren sollte. Mit den Ergebnissen der Umfragen, so verspricht die Firma vollmundig, würden «wichtigste Entscheidungsträger» und Institutionen «konfrontiert».

Justiz und Telekommunikationsbranche gebieten dem Treiben bisher keinen Einhalt. «Strafrechtlich ist da wohl nichts zu machen», erklären Experten der Staatsanwaltschaft Frankfurt nach Prüfung der Umfrage zum Thema Wickert. Veranstalter und Kosten der Umfrage würden genannt, den Bestimmungen der Kundenschutzverordnung sei damit Genüge getan, bestätigt auch Verbraucherschützer Herweg.

Die 0190er-Nummern werden in Deutschland von der Regulierungsbehörde für Telekommunikation in Blöcken an etwa 50 Netzbetreiber vergeben, die diese an so genannte Provider weitervermieten. Die Deutsche Telekom als größter Netzbetreiber müht sich um ein sauberes Image. «Bei den letzten hundert Beschwerden über 0190er-Nummern war keine einzige von der Telekom», sagt Sprecher Frank Domagala in Bonn. Die Inhalte der so genannten «Mehrwertdienste» würden genau überprüft: Pornografie, Aufrufe zu Gewalt und Rassenhass oder dubiose Umfragen flögen raus.

Wer nach dem Betreiber einer 0190er-Nummer forscht, gerät schnell in ein unübersichtliches Gewirr von Telekommunikations-Unternehmen. Die Nummer für die IRC-Umfragen wurde ursprünglich der börsennotierten QS Communications AG in Köln zugeteilt, die sie an ihr Schwesterunternehmen In-telegence Gmbh&Co KG weitergegeben hat. Dort wiederum teilen die Verantwortlichen mit, dass die Nummer an die Bad Homburger MCN Telekom AG (Hochtaunuskreis) vermietet worden sei.

Nach kurzem Suchen kommt auch aus dem Taunus die Entwarnung: Die Nummer sei mitsamt dem Kunden bereits im März zu einem anderen Netzbetreiber weitergewandert, der Extracom AG in München. Dort legt man Wert auf die Feststellung, dass man zwar die gesuchte Nummer tatsächlich im eigenen Netz betreibe, nicht aber für die Versendung der Faxe verantwortlich sei. Näheres wisse aber ein Provider im hessischen Schotten, der die Nummer wohl untervermietet habe.

Eine inhaltliche Kontrolle, behauptet Uwe Kirsche von MCN, sei so gut wie unmöglich, zumal die Anbieter den Inhalt jederzeit ändern könnten. Auf diesem Feld sei man auf Hinweise angewiesen, die im Extremfall auch zum Abschalten der Nummer führen könnten. Die «Freiwillige Selbstkontrolle Telefonmehrwertdienste» in Düsseldorf verurteilt die unaufgeforderte Versendung der Werbebriefe und die anschließende Abzocke per Stimmabgabe. Geholfen hat es bisher wenig, denn bei Ärger mit einem Netzbetreiber ist der Weg für die Abzocker zur Konkurrenz kurz. «Manche Kunden vagabundieren von einem Anbieter zu anderen», sagt Kirsche.

Verbraucherschützer Herweg weiß auch von den kleinen miesen Tricks, mit denen die ohnehin teuren Antworten noch künstlich verlängert werden. Die Fax-Formulare sind gespickt mit dunklen Feldern, damit die Übertragung länger dauert. Bei 0190er- Ansagediensten werden die Anrufer mit Dudelmusik und belanglosen Informationen in der Leitung gehalten. Für komplett dumm will offenbar die IRC ihre Befragten verkaufen: Wer nicht an den «Wahlen» teilnehmen will, möge dies bitte ankreuzen und das Formular zurückfaxen - für 3,63 DM die Minute.

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