Mikrosystemtechnik
Piezo statt Stahl

Lautlos, leicht, präzise - ein neuer Miniantrieb hat beste Chancen auf dem Weltmarkt.

An der Wand des schmucklosen Besprechungsraums pinnt ein Schwarz-Weiß-Foto langhaariger, teils bärtiger junger Männer, übertitelt mit: "Würden Sie in diese Gestalten investieren?" Das Bild zeigt die Truppe um Bill Gates, als dessen Unternehmen Microsoft noch eine Garagenfirma war und nicht der größte Softwarehersteller der Welt.

Die Darstellung, gefunden im Internet, hat Björn Magnussen spontan gefallen. Nicht, dass er so vermessen wäre, sich mit dem Softwarekönig zu vergleichen. "Ich bin ja nicht größenwahnsinnig", beeilt er sich zu versichern. Und doch sieht er eine Parallele: Auch sein Entwicklerteam erinnert, bevorzugt in Jeans und Sweatshirt gekleidet, eher an einen Haufen begeisterter Elektroniktüftler denn an aufstrebende Jungunternehmer, die sich anschicken, mit ihrem Produkt die Welt zu erobern. Dass dies klappt, daran hat der 34-Jährige keine Zweifel. "Man wird von uns hören", sagt er selbstbewusst.

Zwei Investoren hat der Gründer der Dortmunder Elliptec Resonant Actuator AG vom großen Potenzial seiner Erfindung schon überzeugen können. Die Kölner Wagniskapitalgesellschaft Intelligent Venture Capital vertraute Magnussen rund 1,5 Millionen Euro an. Die gleiche Summe steckte die Bonner Technologiebeteiligungsgesellschaft (Tbg) in das Startup. "Die Technologie ist absolut zukunftsweisend", begeistert sich Venture-Geschäftsführer Wilfried Frohnhofen.

Was den nüchtern kalkulierenden Geldgeber so ins Schwärmen bringt ist ein Miniantrieb der besonderen Art. Er besteht im Kern aus einem Keramikbauteil, das seine Größe verändert, wenn eine elektrische Spannung angelegt wird. Griechisch "Piezo" nennen Wissenschaftler diesen Effekt. Die Dortmunder nutzen die Bewegung, um ein winziges Aluminiumteil, das mit dem Piezoelement verbunden ist, in kontrollierte Schwingung zu versetzen. Die Vibrationen reichen aus, um zum Beispiel eine Stange hin und her zu schieben, oder ein Rad rotieren zu lassen.

Gegenüber einem Elektromotor hat der Piezoantrieb unschätzbare Vorteile: Er ist deutlich kleiner, unter anderem weil er zur Regelung der Kraftübertragung ohne Getriebe auskommt. Er arbeitet geräuschlos und wird mit einer vergleichsweise einfachen Elektronik gesteuert. Und er führt Bewegungen mit bisher nicht gekannter Präzision aus.

Piezoantriebe sind zwar nicht gänzlich neu. Sie kosten jedoch bis zu 5000 Dollar, so dass sie nur für Anwendungen genutzt werden, bei denen es auf höchste Genauigkeit ankommt - in der Chipfertigung etwa. Magnussen hat Konstruktion und Herstellung drastisch vereinfacht. Überdies verwendet er ein relativ preiswertes Piezomaterial. "Damit ist der Durchbruch zum Massenmarkt geschafft", sprüht der Gründer vor Zuversicht. Seine Motörchen bieten die Vorzüge eines Piezoantriebs zum Preis eines einfachen Elektromotors. Zwei bis fünf Dollar werden sie voraussichtlich kosten.

Ihre Feinarbeit sollen sie überall verrichten, wo Kleinteile mit wenig Kraftaufwand zu bewegen sind: in Spielzeugen, im Auto, in Klimaanlagen, in Scannern, Druckern, Computerlaufwerken und Kopierern. "Der Fantasie sind kaum Grenzen gesetzt", meint Magnussen enthusiastisch.

Die Nachfrage nach solchen Miniaturantrieben, die weniger als ein Watt leisten, legt nach einer Erhebung des US-Fachmagazins "ProductDesign & Development" weltweit jährlich um 25 bis 50 Prozent zu. Die Umsätze erreichen bereits über 4,6 Milliarden Dollar. Magnussen selbstbewusst: "Davon wollen wir uns ein gehöriges Stück abschneiden." Das Ziel ist ehrgeizig: Spätestens im übernächsten Jahr wollen die Dortmunder ihren Antrieb in dreistelligen Millionenstückzahlen produzieren und im Jahr 2005 die Gewinnschwelle erreichen. Konkurrenz fürchten die Neuerer sobald nicht. "Unser Technologievorsprung beträgt mindestens zwei Jahre", glaubt Magnussen.

Um schnell zu Umsätzen zu kommen, konzentrieren sich die Westfalen zunächst auf die Spielzeugbranche. Magnussen: "Da sind die Qualitätsanforderungen nicht so extrem hoch und die Testläufe nicht so langwierig wie etwa in der Automobilindustrie." Anwendungen sieht der Elliptec-Chef zuhauf: Die Piezoantriebe könnten Flugzeugfahrwerke und Baggerschaufeln bewegen, Signale stellen und Autos lenken. Märklin hat schon angebissen. Auf der Nürnberger Spielwarenmesse stellte der Modelleisenbahnhersteller aus Göppingen bei Stuttgart im Februar eine Elektrolok vor, in der ein Piezoantrieb von Elliptec den Stromabnehmer hochfährt und einzieht. "Mit einem Elektromotor wäre das nicht gegangen. Der braucht zu viel Platz", berichtet Magnussen. Verhandlungen mit weiteren Interessenten seien weit fortgeschritten.

Damit sie nicht lange auf erste Lieferungen zu warten brauchen, treiben die Elliptec-Macher jetzt den Aufbau der Produktion voran. Im oberfränkischen Redwitz, auf dem Gelände von Siemens Ceramics, testen sie derzeit eine Pilotanlage. Die Tochter des Elektronikriesen liefert die Piezokeramik und unterstützt die Gründer mit Produktionskenntnissen. Mitte nächsten Jahres soll die Fertigung dann in Dortmund anlaufen.

Der Kontakt zu den Münchnern ist kein Zufall. Die Idee zu seiner Innovation kam Magnussen, nachdem er 1996 seine berufliche Karriere in der zentralen Forschung von Siemens begonnen hatte. Er beteiligte sich damit an einem internen Businesswettbewerb - und gewann. Der Multi spendierte eine gute halbe Million Euro und schickte den gebürtigen Rheinland-Pfälzer im September 1999 nach Kalifornien in sein Technology-To-Business (TBB) Center. Dort sollte er seine Erfindung zur Marktreife entwickeln und zugleich einen Geschäftsplan erstellen. Siemens hat sich für die Anschubfinanzierung 24,9 Prozent der Anteile an Elliptec gesichert. Magnussen hat den Aufenthalt in dem "Gründerbrutkasten" nicht bereut. "Die bereiten Techniker wie mich wirklich vorzüglich auf die rauhe Geschäftswelt vor", lobt Magnusson das Center.

In anderer Hinsicht war der Ausflug über den großen Teich weniger ergiebig. Schnell merkte Magnussen: "Von Piezo-technik verstehen die Amerikaner wenig." So entschied er sich, mit seiner Erfindung zurück nach Deutschland zu gehen. In Dortmund, wo die nordrhein-westfälische Landesregierung den Aufbau eines Zentrums für Mikrosystemtechnik fördert, sieht er beste Voraussetzungen: "Hier finden wir Kooperationspartner, Kunden und Personal", resümiert Magnussen. "So ein Umfeld ist für ein Startup äußerst wichtig." Piezo statt Stahl. Gut möglich, dass der Ruhrpott mal anders Schlagzeilen macht.

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