Miliz ist von ihrem "Gast" abhängig
Taliban sind mit oder ohne bin Laden die Verlierer

Die Botschaft der USA an die Taliban in Afghanistan ist so einfach wie klar: Entweder sie liefern Osama bin Laden aus – oder die Tage der islamischen Gotteskrieger sind gezählt. Erst am Sonntag wies Präsident George W. Bush ein "Angebot" der Taliban zurück, bin Laden an ein neutrales Drittland auszuliefern, um ihm dort den Prozess zu machen.

afp ISLAMABAD. Doch selbst wenn die Taliban klein beigeben und dem mutmaßlichen Drahtzieher der Terroranschläge vom 11. September die "Gastfreundschaft" aufkündigen würden, stünden sie auf verlorenem Posten. Zu sehr haben sie sich in den vergangenen Jahren von Freiwilligen aus Pakistan und so genannten arabischen Afghanen abhängig gemacht – islamische Fundamentalisten etwa aus Ägypten oder Algerien, die aus ihrer Heimat fliehen mussten.

Diese Freiwilligen würden den Taliban scharenweise die Gefolgschaft kündigen, sollten diese bin Laden ausliefern. Ohnehin scheint es bereits erste Auflösungserscheinungen in den Reihen der Miliz zu geben: Nach Angaben der oppositionellen Nordallianz laufen die Taliban-Kämpfer in Scharen zur bewaffneten Opposition über. Am Wochenende sollen sich zudem zehn Taliban-Kommandeure und 350 Kämpfer in der Provinz Badghis den Oppositionstruppen ergeben haben, wie Nordallianz-Kommandeur Ismail Khan erklärte.

Das Vorbild der radikalen Freiwilligen in den Reihen der Taliban ist bin Laden. Seit die Taliban 1996 die Hauptstadt Kabul einnahmen, war ihnen jeder islamische Kämpfer willkommen, der bereit war, gegen die Nordallianz in den unzugänglichen Bergen des Hindukusch in den Krieg zu ziehen. Viele militärische Schlüsselpositionen in Afghanistan sollen mittlerweile von Arabern oder Pakistanern kontrolliert werden, so etwa Kabul oder die Region um die östliche Stadt Dschalalabad.

Debakel von Masar-i-Scharif beschädigte Gotteskrieger-Nimbus

Als Schlüsselereignis für den Zulauf radikalislamischer Kämpfer zur Taliban-Miliz gilt die Niederlage der Taliban in der Oppositions-Hochburg Masar-i-Scharif im Mai 1997: Nach der Bestechung eines örtlichen Kriegsherrn hatten Tausende Taliban-Kämpfer die Stadt zunächst im Triumph eingenommen. Doch die Vereinbarung platzte, fast 2 000 Taliban-Kämpfer wurden getötet, weitere 2 000 von ihnen gefangen genommen und hingerichtet. Bis dahin hatten die "Koran-Schüler" Afghanistan buchstäblich im Sturm erobert und viele Städte ohne einen Gewehrschuss eingenommen. Das Debakel von Masar-i-Scharif versetzte dem Nimbus der Gotteskrieger jedoch einen empfindlichen Schlag. Die Rekrutierung von neuen Kämpfern aus den zahlreichen afghanischen Stämmen wurde schwieriger, stattdessen wurde auf die "arabischen Afghanen" zurückgegriffen.

Militärexperten schätzen die Zahl der Taliban-Kämpfer auf insgesamt 40 000 bis 60 000. Davon sollen rund 15 000 arabischer Abstammung sein, weitere 10 000 stammen aus Pakistan. Die Opposition rechnet aber damit, dass rund 10 000 Kämpfer jederzeit zum Desertieren bereit sind.

Im selben Maße, wie die Gotteskrieger ihre Macht in Afghanistan ausbauten, machten sich die Taliban immer mehr abhängig von ihrem "Gast" bin Laden, dessen Millionen sie etwa für die Bezahlung örtlicher Kommandeure dringend benötigen. Nur mit Hilfe von bin Ladens Vermögen und dem geistigen Einfluss seiner El-Kaida-Organisation gelingt es den Taliban, alle ihre Kämpfer bei der Stange zu halten. "Bin Laden und die Taliban sind mittlerweile eine Einheit", sagt ein westlicher Diplomat in Islamabad.

In politischen und militärischen Entscheidungen gilt bin Laden dem Taliban-Führer Mullah Mohammed Omar mittlerweile sogar als gleichrangig. Es scheint, dass die Taliban nun keine Wahl mehr haben – sie müssen sich einigeln und sich für einen langen Krieg rüsten.

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