Miller sucht Unterstützung aus dem Westen, um die Wähler in der Provinz zu überzeugen
Gerhard, wir fahrn nach Lodz

Am kommenden Wochenende sollen die Polen per Referendum entscheiden, ob ihr Land Mitglied der EU werden soll oder nicht. Glaubt man den Meinungsumfragen, scheint die Sache klar: 80 % sind dafür. Doch auf dem Land ist die Frustration hoch.

Edward Rycharski will die hohen Gäste unfreundlich empfangen. Direkt neben dem Eingang der Sporthalle im oberschlesischen Kedzierzyn-Kozle hat er sich postiert. Und als Präsident Aleksander Kwasniewski und Deutschlands Außenminister Joschka Fischer endlich vorfahren, hält er sein dunkelblaues Transparent noch etwas höher: "Nein zur EU" steht darauf. In der Mitte prangt ein giftiger Fliegenpilz, umkreist von EU-Sternchen, Hammer und Sichel.

Rycharski ist Lokalchef der ultrakonservativen "Liga polnischer Familien". Der stattliche Geschäftsmann im dunklen Anzug weiß genau, warum ausgerechnet Joschka Fischer in Oberschlesien für Polens EU-Beitritt wirbt: "Die Deutschen dominieren doch die EU, für die sind wir bloß ein bequemer Absatzmarkt."

Am kommenden Wochenende sollen die Polen per Referendum entscheiden, ob ihr Land Mitglied der EU werden soll oder nicht. Glaubt man den Meinungsumfragen, scheint die Sache klar: 80 % sind dafür. Doch auf dem Land ist die Frustration hoch. Und nationalistische Gruppierungen wie die "Liga polnischer Familien" machen Front gegen den Beitritt. Am meisten fürchten Soziologen aber, dass die Bürger aus Protest oder Lethargie gar nicht an die Wahlurnen gehen. Liegt die Wahlbeteiligung unter 50 %, ist die Volksabstimmung ungültig. Dann müsste das Parlament entscheiden. Dann wäre die Regierung Miller, die die Beitrittsverhandlungen geführt hat, ernsthaft in Gefahr.

Kurz vor dem Referendum setzen die Regierenden in Polen deshalb auf Hilfe aus dem Westen: Spitzenpolitiker aus Deutschland, Schweden und Dänemark werben in der Provinz für den Beitritt. Heute wird Bundeskanzler Gerhard Schröder in dieser Mission nach Lodz fahren.

Doch die staatliche EU-Kampagne ist chaotisch organisiert. In Kendzierzyn-Kozle wirbt kein einziges Plakat für den Auftritt von Kwasniewski und Fischer. Trotzdem ist die Sporthalle gut gefüllt. Und die meisten hier drin sind sowieso dafür. EU-Gegner wie Rycharski bleiben draußen. Fischer müht sich redlich. "Sie haben keinen Grund zur Dankbarkeit", appelliert er an den polnischen Nationalstolz - und lässt eine Pause für Beifall. Keine Reaktion im Saal. "Gehen Sie hin beim Referendum, nehmen sie viele Menschen mit, und stimmen Sie mit Ja!" schreit Fischer ins Mikrofon. Artiger Applaus.

Kedzierzyn-Kozle ist ein typischer Ort in Polen. Die Arbeitslosigkeit in der Industriestadt mit 70 000 Einwohnern liegt bei 15 %. Das ist zwar weniger als im Landesdurchschnitt, doch der größte Arbeitgeber, ein staatliches Stickstoffwerk, ist hoch verschuldet, die lange geplante Privatisierung kommt nicht in Gang, die Umwelt ist belastet. Selbst der Flieder hier blüht schmuddelig grau. Echter EU-Enthusiasmus will da nicht aufkommen. "Ich stimme mit ja, weil es für Polen keinen anderen Weg gibt", sagt Hendryk Dudek. Aber der pensionierte Fabrikdirektor fürchtet, sein Land sei wirtschaftlich noch nicht reif für die EU: "Nach dem Beitritt wird sich unser Lebensstandard um 30 % verschlechtern."

Wenig besser ist die Stimmung beim Auftritt von des polnischen Premier Leszek Miller und seinem schwedischen Amtskollegen Göran Persson in Masuren. Die beiden Politiker haben bereits 40 Minuten Verspätung, doch nur die Hälfte der Sitzplätze in der mittelalterlichen Burg von Nidzica ist besetzt. Hastig werden ein paar Schüler herbeigeholt - die Mehrheit im Publikums ist gar nicht wahlberechtigt.

Miller redet von Polens neuem Prestige in der Weltarena, Persson verspricht bessere Handelsbeziehungen. Und Janek Pytloch zerfetzt genüsslich das Europa-Fähnchen, das ihm die Schule zum Winken gegeben hat. "Die erzählen, dass wir im Ausland studieren können - alles Quatsch", ärgert sich der Abiturient mit den kurzgeschorenen Haaren, "meine Eltern können sich das jetzt nicht leisten und in zwei Jahren auch nicht." Das Referendum ist seine erste Wahl. Er will mit "Nein" stimmen.

Nidzica ist ein Provinznest mit 15 000 Einwohnern. Jeder Dritte hier hat keine Arbeit, wie fast überall in Masuren, seit die staatlichen Landwirtschaftsbetriebe aufgelöst wurden. Bürgermeister Ryszard Kumelski erhofft sich von dem EU-Beitritt vor allem eines: "Mehr Investoren für unsere Region." Damit beim Besuch von Miller und Persson ja nichts schief geht, stellt der Bürgermeister die einzig zugelassene Frage aus dem Publikum lieber gleich selbst, eben nach den Investoren. Er bekommt eine wolkige Antwort über den gemeinsamen Markt, bevor die Staatsmänner weiterreisen. "Die kommen, lügen und fahren wieder weg", schimpft Jan (67). Mehr als 30 Jahre hat er als Kolchosarbeiter geschuftet, jetzt bekommt er 108 Euro Rente. "Wie soll ich damit auskommen, wenn in der EU alles teurer wird?" Anna Romanik weiß, dass vor allem die älteren Leute auf dem Land gegen den EU-Beitritt sind. Die junge Frau verteilt auf der Burg von Nidzica Broschüren und Buttons mit dem Slogan "Ja beim Referendum." Nach ihrer Ausbildung zur Marketing-Expertin fand sie nirgends Arbeit. Da war sie froh, als sie wenigstens für vier Monate eine ABM-Stelle im Europa-Infobüro der Stadt ergatterte: "Ich habe dabei auch viel über die EU gelernt." Sie ist überzeugte EU-Befürworterin und hofft, dass bei der Volksabstimmung alles gut geht. Nur eine Sorge lässt sie nicht los: Nach dem Referendum endet ihr Job. "Und wer", fragt Anna Romanik, "gibt mir dann Arbeit?"

Quelle: Handelsblatt

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