Milliarden-Bürgschaft bringt Philip Morris USA in finanzielle Schwierigkeiten: Light-Zigaretten setzen Altria schwer zu

Milliarden-Bürgschaft bringt Philip Morris USA in finanzielle Schwierigkeiten
Light-Zigaretten setzen Altria schwer zu

Klagen wegen der Vermarktung von Light-Zigaretten setzen den Tabakkonzern Altria unter Druck. Beobachter warnen bereits vor einer Insolvenz der US-Tabaktochter. Nun muss der Konzern ausgerechnet auf die Hilfe der US-Bundesstaaten hoffen, denen er zweistellige Milliardenbeträge aus der ersten Tabak-Klagewelle schuldet.

NEW YORK. Dicke Luft in der Zigarettenindustrie: Eine neue Klageserie in den USA droht der Branche die Luft zum Atmen abzuschnüren. Diesmal legen die Kläger den Tabakkonzernen zur Last, die Verbraucher mit angeblich weniger schädlichen Light-Zigaretten getäuscht zu haben. Die Rating- Agentur Standard & Poor?s warnt, dass die amerikanische Tabaktochter von Altria, Philip Morris USA, möglicherweise Gläubigerschutz beantragen müssen wird. Auch die Rating-Agentur Moody?s stufte die Kreditwürdigkeit von Altria, dem einstigen Philip- Morris-Konzern, herab.

Anlass ist das jüngste Gerichtsurteil aus Madison County im Bundesstaat Illinois. Auf eine Sammelklage gegen Philip Morris USA hin hatte das Gericht das Unternehmen vor anderthalb Wochen zu insgesamt 10,1 Mrd. $ Schadensersatz und Strafzusatz (Punitive Damages) verurteilt. Das Geld soll weltweit allen Rauchern von Zigaretten der Marken "Marlboro Lights" und "Cambridge Lights" zugute kommen. Die Richter befanden, das Unternehmen haben den Klägern vorgetäuscht, dass Light-Zigaretten weniger gesundheitsschädlich seien als normale Zigaretten.

Der Chef-Anwalt von Philip Morris USA, William Ohlemeyer, kündigte an, dass er Berufung einlegen werde. Doch genau da liegt das nächste Problem: Um in die nächste Instanz zu kommen, hat das Gericht das Unternehmen verpflichtet, die ungewöhnlich hohe Summe von 12 Mrd. $ als Garantie zu hinterlegen. Damit soll sichergestellt werden, dass die Kläger ihr Geld bekommen, falls Philip Morris USA in der zweiten Instanz verlieren, aber nicht mehr zahlen könnte.

Diese Forderung könnte Altrias US- Tochter in ernste finanzielle Schwierigkeiten bringen. Das Unternehmen warnte bereits, dass es sich nun außer Stande sehe, am 15. April wie geplant 2,6 Mrd. $ an die US-Bundesstaaten zu zahlen und damit einen früheren Vergleich zu erfüllen. Philip Morris und drei andere Tabak-Konzerne hatten sich 1998 auf die Zahlung von 206 Mrd. $ über 25 Jahre geeinigt. Damit sollen sie für die höheren Kosten aufkommen, die dem staatlichen Gesundheitssystem durch Erkrankungen von Rauchern entstehen.

Deshalb könnten nun im aktuellen Verfahren ausgerechnet die Bundesstaaten dem Tabakkonzern zu Hilfe kommen. "Alle Staaten außer Illinois haben angedeutet, dass sie sich mit einem Antrag an das Gericht wenden werden, um eine geringere Garantiesumme für Philip Morris USA zu fordern, wenn das Problem nicht bis zum 15.April gelöst ist", sagt Martin Feldman, Tabak-Analyst der Investmentbank Merrill Lynch.

Die Staaten wollen so sicherstellen, dass Philip Morris USA die 2,6 Mrd. $ zahlt. Sie sorgen sich um die vielen Anleihen, die Staaten und Lokalregierungen bereits begeben haben - gesichert mit den verabredeten Zahlungen der Tabak-Industrie. Die Rating-Agentur Moody?s hat auch hier prompt reagiert und die Anleihen von Staaten, die durch Zahlungen der Tabakkonzerne abgesichert sind, herabgestuft.

Analyst Feldman rechnet damit, dass der Druck der Bundesstaaten das Gericht in Madison County letztlich dazu bewegen wird, die geforderten Garantien zu reduzieren. In vielen US- Bundesstaaten dürfen die Gerichte nicht mehr als 200 Mill. $ als Rücklage von einem Kläger verlangen, doch in Illinois gibt es keine Obergrenze dafür.

"Die Wahrscheinlichkeit, dass Philip Morris pleite geht, schätze ich als sehr gering ein", sagt Christoph Razaire, Analyst der Rating-Agentur Moody?s. Noch sei es zu schwer abzusehen, ob die Light-Klagen das neue große Rechtsrisiko für die Zigarettenindustrie seien. "Die Klagen wegen Light-Zigaretten unterscheiden sich von den bisherigen Tabak-Klagen, weil es hier um Verbraucherbetrug und nicht um Produkthaftung geht", erklärt Razaire.

Das Urteil in Madison County war das erste in einer Sammelklage wegen der Light-Zigaretten. Stellvertretend für alle Konsumenten dieser Produkte konzentrierte sich die Klage auf den Fall der Raucherin Susan Miles.

Razaire weist jedoch darauf hin, dass Madison County für harte Urteile gegen Unternehmen bekannt ist. In der zweiten Instanz könne sich das Blatt wenden. Doch die Nerven der Investoren liegen schon jetzt blank. Die Aktie hat zum Wochenbeginn deutlich verloren.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
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