Milliardenmarkt mobiles Spielen
Sony und Nokia greifen Gameboy an

Der Markt für handtellergroße Videospielkonsolen rückt ins Zentrum der Spieleindustrie. Nintendo, Sony sowie der Herausforderer Nokia stecken in dem wachstumsstarken Markt ihre Claims ab.

HB LOS ANGELES. "Das war wohl keine gute Woche für Nintendo." Microsoft-Manager Peter Moore zeigt am Rande der Spielemesse E3 in Los Angeles ungewohntes Mitleid mit dem japanischen Wettbewerber - er ist bei Microsoft für das Europa- und Asiengeschäft der Spielekonsole X-Box zuständig.

Moore hat Recht: Für Nintendo kam es knüppeldick. Sony kündigte überraschend an, Ende 2004 eine Handteller große Spielekonsole auf den Markt zu bringen - die Playstation Portable. Und Mobilfunkgigant Nokia gab bekannt, dass er ab Oktober 2003 mit der Spielekonsole N-Gage in den Kampf um das Taschengeld der Kids einsteigen wird. N-Gage ist Spielekonsole und Mobiltelefon zugleich.

Damit greifen beide frontal Nintendos Gameboy Advance an - ein Quasimonopolist, der bislang rund 15 Mill. Mal verkauft wurde. Sony hat sich im Jahr 1995 schon einmal mit Nintendo angelegt: Damals hieß bei üblichen Videokonsolen der Weltmarktführer Nintendo - heute heißt er Sony.

Wandel in den Zielgruppen

Was die tragbaren, Handteller großen Spielekonsolen - die so genannten Handhelds - ausgerechnet jetzt so attraktiv macht, ist der sich abzeichnende Wandel in den Zielgruppen. Während der alte Gameboy noch klar als Kinderspielegerät positioniert war, rückt der Boom der Mobiltelefone mit Farbbildschirm auch Erwachsene und Jugendliche ins Blickfeld. Auch Nintendo wirbt mittlerweile um ältere Spieler.

"Der Markt für Spiele- Downloads aufs Handy explodiert", sagt Jan Andresen, Mitgründer und Chef der Elkware GmbH aus Wedel, die jüngst den Spielehit Anno 1503 für Siemens-Handys umgesetzt hat. "Letztes Jahr gab es diesen Markt eigentlich noch nicht, im März 2003 hatten alleine wir schon rund 100 000 Downloads. Bis Ende des Jahres sind 500 000 pro Monat realistisch." Elkware ist neben Gameloft einer der führenden Hersteller von Spielen für Mobiltelefone auf Basis der Programmiersprache Java.

Die Marktforscher der Inform Media Group erwarten, dass der Umsatz mit mobilem Spielen (Gaming) bis 2006 von unter 100 Mill. $ auf rund 3,6 Mrd. $ wachsen wird. Dies umfasst Werbung, Abo-Gebühren und Einnahmen durch Datentransfer.

Große Bedeutung für die Telekom-Industrie

Klaus Middeler, beim Mobilfunkausrüster Ericsson zuständig für mobile Datendienste, unterstreicht die Bedeutung von Gaming für die Telekom-Industrie. Schon heute machen nach Ericsson-Untersuchungen Spiele- Downloads gut 50 % des monatlichen Datenvolumens eines durchschnittlichen Kunden aus. "In drei Jahren", schätzt Middeler, "dürften rund 40 % der Mobilkunden mobil spielen." Das wäre für den Ausrüster Ericsson, der schwer unter der Investitionszurückhaltung der Telekom-Unternehmen leidet, ein Grund zur Freude: "Gaming braucht leistungsstarke Netze, Software für Abrechnung, Session-Management und Rechteverwaltung", zählt Middeler auf.

Ericsson unterstützt deshalb eine "Ericsson Mobility World", in der sich rund 40 000 Spielesoftware-Entwickler - von der Ein-Mann-Bude bis zum Konzern - austauschen. "Wir bringen Softwareanbieter und Telekoms zusammen", sagt Middeler, "und schnüren auch fertige Content-Angebote für Telekom-Unternehmen." Hauptsache, es passiert was.

Eine vitale Software-Industrie ist auch für den Spieleneuling Nokia wichtig. "Entscheidend wird auch hier die Qualität der Spiele sein", vermutet Hans Stettmeier, der bei Microsoft die Einführung der X-Box in Deutschland verantwortet hat. "Hardcore- und Gelegenheitsspieler sind sehr anspruchsvoll. Da muss man - wie beim X-Box-Start - die besten Entwickler haben und zu hohen Investitionen bereit sein."

Nokia will zehn Spiele - wie etwa Tomb Raider von Eidos - zum Start bringen und hat sich unter anderem Sega als Partner geholt. Sega hat die Produktion seiner erfolglosen New-Generation Konsole "Dreamcast" eingestellt und sich auf das Software-Geschäft konzentriert.

Bis Weihnachten zwanzig Nokia-Spiele

Bis Weihnachten will Nokia zwanzig Spiele im Markt haben und sogar selber als Spieleproduzent auftreten. Das könnte Nintendo mit seinem enormen Fundus an Spielen und Spielecharakteren wie "Mario" und noch kalt lassen. Doch ganz ungerührt zeigt sich der Spieleriese nicht: "Nintendo hat die Lizenzgebühren gesenkt und arbeitet offener mit unabhängigen Entwicklern wie uns zusammen", stellt Gerhard Florin, Europachef vom Branchenführer bei Spielesoftware, Electronic Arts Inc., fest. Der Konzern aus Kyoto sucht zumindest schon einmal Schützenhilfe bei alten und neuen Verbündeten.

Nokia bringt auch das Preisgefüge bei Software durcheinander. Für 30 bis 40 $ sollen speziell für die Konsole angepasste Spielepakete verkauft werden. Das liegt im Schnitt 10 bis 20 $ unter aktuellen Nintendo-Preisen. Die Herausforderung für Nokia ist klar: In möglichst wenigen Monaten so viel Hardware wie möglich zu verkaufen. Nur dann, wenn der potenzielle Absatzmarkt groß genug ist, um die Entwicklungskosten wieder einzuspielen, werden Softwareentwickler bei der Stange bleiben, oder neue hinzukommen.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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