Milliardenverlust bei Chrysler
Schrempps Tief

Daimler-Chrysler-Chef Jürgen Schrempp hat die Karten auf den Tisch gelegt. Was man sich aus Einzelmeldungen schon zusammenrechnen konnte, ist jetzt offiziell: Chrysler, die US-Sparte des Stuttgarter Autokonzerns, wird für das letzte Quartal des zu Ende gehenden Jahres einen Riesenverlust ausweisen und aufs Jahr gerechnet kaum Gewinn erzielen. Das Betriebsergebnis von Daimler-Chrysler wird sich deswegen auf fünf Milliarden Euro halbieren. 1999 hatte Chrysler allein so viel Gewinn erzielt. Zu allem Überfluss fällt auch bei der 34-Prozent-Beteiligung Mitsubishi Motors ein Fehlbetrag von rund 300 Millionen Euro an. Nur mit Buchgewinnen aus Unternehmensverkäufen schaffen es die Stuttgarter noch, das ausgewiesene Betriebsergebnis im Konzern auf Vorjahreshöhe zu halten.

Gewiss, die Marke Mercedes-Benz wird für 2000 Rekorde bei Absatz, Umsatz und Ertrag ausweisen. Doch ist es alles andere als ein Ruhmesblatt für den Konzernlenker, dass Daimler-Chrysler nur dank der profitablen Edelmarke noch ansehnlichen Gewinn einfährt. Denn schlichten Risikoausgleich hatte Jürgen Schrempp nicht im Sinn, als er vor zweieinhalb Jahren die Fusion über den Atlantik hinweg zimmerte. Einen Weltkonzern wollte er schmieden; er versprach Wertzuwachs für die Aktionäre und Profite in einer neuen Größenordnung. Stattdessen zeigt sich, dass auch noch so breit angelegte Fusionen Konjunkturzyklen nicht aus der Welt schaffen. Jetzt kann der Propagandist des Shareholder-Value seine lauten Versprechungen nicht nur nicht halten; gegenwärtig agiert er vielmehr als Kapitalvernichter, der Kurs der Aktie lag auch gestern klar unter 50 Euro.

Zahlt Daimler-Chrysler überhaupt noch eine Dividende?

Wackelt deswegen Schrempps Stuhl? In den USA hätte man ihn wohl längst gefeuert. Aber 70 Prozent der Daimler-Chrysler-Aktionäre sind Europäer, sie zeigen mehr Nachsicht. Wohl auch darum hat die Deutsche Bank, mit zwölf Prozent der Anteile größte Aktionärin, ihre Treue zu Daimler-Chrysler beschworen. Auf den Schwur verlassen sollte sich Schrempp freilich nicht. Schließlich spricht jeder Fußballverein einem erfolglosen Trainer umso häufiger das Vertrauen aus, je schwieriger die Lage ist - bis man ihn Knall auf Fall hinauswirft. Akut gefährdet ist Schrempp jedoch nicht. Denn er weiß die deutschen Arbeitnehmervertreter hinter sich. Deren Unterstützung verdankt er dem zwielichtigen US-Milliardär Kirk Kerkorian. Der drittgrößte Aktionär von Daimler-Chrysler hat das Unternehmen verklagt und will acht Milliarden Dollar mit dem Argument, Schrempp habe über seine Absichten bei der Fusion gelogen. Diese aus deutscher Sicht absurde Klage hat die Reihen geschlossen.

Aber 2001 muss es bei Chrysler und Mitsubishi aufwärts gehen, sonst reißt der Geduldsfaden. Jürgen Schrempp aber ist nicht mehr alleine Herr seines Schicksals. Sein Erfolg hängt ab vom Erfolg seiner Statthalter Rolf Eckrodt bei Mitsubishi Motors und vor allem Dieter Zetsche. Der neue Chrysler-Chef hat den Lieferanten bereits die Daumenschrauben angelegt und will sofort zwei Milliarden Dollar sparen. Entscheidender wird sein, ob sich Zetsche mit der US-Automobilgewerkschaft UAW einigt. Die hat, als es Chrysler noch gut ging, eine fast perfekte Beschäftigungsgarantie ausgehandelt. Wie teuer lässt sich die UAW nun den notwendigen Personalabbau abkaufen? Das könnte Milliarden kosten. Damit ist klar: Die jetzt bekannt gegebenen Zahlen offenbaren noch längst nicht die ganze Tragweite des Chrysler-Desasters.

Darum lautet die neue Frage: Zahlt Daimler-Chrysler für 2000 überhaupt noch Dividende? Fiele die Antwort negativ aus, wäre der große Fusionator Schrempp wohl endgültig am Ende.

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