Millionen Menschen fordern Ende der Gewalt
Kolumbien bläst zum Frontalangriff gegen Rebellen

Drei Jahre hat der kolumbianische Präsident Andrés Pastrana mit den linken FARC-Rebellen einen "Dialog im Krieg" geführt. Nun hat er die Hoffnung aufgegeben und bläst zum Angriff. Die Gewalt nahm während der Gespräche fast noch zu und täglich starben Soldaten, Rebellen und vor allem Zivilisten.

dpa BOGOTA. An der Friedensfront aber bewegte sich nichts und der Unmut in der Bevölkerung über die fruchtlosen Zugeständnisse an die marxistischen "Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens" (FARC) wurde immer stärker.

Die Kolumbianer wollen einfach ein Ende der Gewalt, wofür am Mittwochabend Millionen Menschen landesweit demonstrierten, indem sie alle Lichter abschalteten. "Sowohl die Streitkräfte wie auch die Rebellen sind jedoch überzeugt, dass sie einen offenen Schlagabtausch gewinnen können", beschrieb ein ausländischer Diplomat die Lage.

Während Unterhändler der Regierung bis zuletzt fast täglich mit den Rebellen in der für Verhandlungen von den Streitkräften geräumten FARC-Zone im Süden des Landes über einen Waffenstillstand diskutierten, gab sich Pastrana geschlagen und erklärte den Friedensprozess für gescheitert. Die FARC seien eine terroristische Gruppe und nicht zum Dialog bereit, begründete er seine weit reichende Entscheidung im Fernsehen. Was das "Fass zum Überlaufen" brachte, war die Entführung des Vorsitzenden des Friedensauschusses des Senats, Jorge Gechem. Die Regierung schrieb die Tat den FARC zu, die dies jedoch dementierten.

Die jahrelangen Verhandlungen haben vor allem nichts an den Grundlagen des Konflikts ändern können. Während reichlich Militärhilfe aus den USA ins Land flossen, finanzierten sich auch die Rebellen mit Geld überwiegend aus den USA. Durch die Kontrolle des illegalen Drogenhandels Richtung Nordamerika verfügen sie über Milliardeneinnahmen und sind militärisch bestens gerüstet. Nach neuen Angaben sollen sie 17 000 Männer und Frauen unter Waffen halten.

Neben den Drogen-Dollars nährt aber auch die verzweifelte wirtschaftliche Lage vieler Kolumbianer den Konflikt. Die FARC zahlen gut und sind für viele junge Leute in der Provinz, die sonst keine Perspektive haben, fast ein Familienersatz. Wer einmal bei der Truppe angeheuert hat, kann zudem nicht einfach wieder abmustern. Das Bildungsniveau der Rebellen aus ärmsten Verhältnissen ist niedrig.

Keine einheitliche Rebellenführung

Die Entführung des Senators wirft nach Einschätzung von Beobachtern vor Ort jedoch auch ein Schlaglicht auf die mangelnde Kontrolle der FARC-Führung über die im ganzen Land unabhängig von einander aktiven Kampfgruppen. "Die FARC sind durch die Drogengelder sehr schnell gewachsen und ihre Kommandostrukturen sind dem nicht mehr gewachsen", sagte ein Experte in Bogota. Außerdem seien viele Rebellenkommandeure an der Front unzufrieden mit ihren Chefs, die sich in der Zone ein bequemes Leben machten.

Die von Pastrana angeordnete Rückeroberung der FARC-Zone im Süden des Landes könnte jedoch ein gefährliches Unterfangen werden. Die FARC hatten schon bei der letzten Krise der Verhandlungen im Januar angekündigt, sie würden sich in einem solchen Fall aus den städtischen Zentren des Territoriums von der Größe der Schweiz in die Berge zurückziehen. Von dort aus aber könnten sie die Truppen wie schon bisher in anderen Landesteilen mit ständigen Nadelstichen zermürben.

Ein militärischer Sieg über die FARC und die andere große Rebellengruppe, das "Revolutionäre Befreiungsheer" (ELN), sowie über die rechten Paramilitärs gilt bei ausländischen Beobachtern in Kolumbien deshalb als unwahrscheinlich. Zu befürchten ist eine Verschärfung des Konflikts, unter der vor allem die Zivilbevölkerung weiter leiden würde.

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