Millionenbetrag zum Abschied
WestLB-Chef muss gehen

Der wegen millionenschwerer Verluste aus dem Beteiligungsgeschäft in die Kritik geratene WestLB-Chef Jürgen Sengera hat nicht mehr das Vertrauen der Anteilseigner und verlässt die Bank.

Reuters DÜSSELDORF. Nach Angaben von Aufsichtsratschef Bernd Lüthje sind die Verträge mit Sengera und Vorstandsmitglied Andreas Seibert am Montag "in gegenseitigem Einvernehmen" aufgelöst worden. In Kreisen der Anteilseigner hieß es, Hintergrund der Trennung sei die jüngste Kritik der BaFin an der WestLB und die Verluste aus Geschäften der umstrittenen Investmentbankerin Robin Saunders.

In einer gemeinsamen Erklärung hieß es nach einer Dringlichkeitssitzung der Anteilseigner am Montag in Düsseldorf, es hätten sich bei einem Treffen mit Sengera "unterschiedliche Auffassungen zur künftigen Geschäftspolitik der WestLB AG" ergeben. Deshalb seien die Verträge mit Sengera und Vorstandsmitglied Andreas Seibert aufgelöst worden. "Über die Nachfolge werden die Organe der WestLB zu einem späteren Zeitpunkt beraten", hieß es weiter.

Ringel übernimmt zunächst das Ruder

Vorstand Johannes Ringel soll zunächst die Aufgaben Sengeras übernehmen, bis ein Nachfolger gefunden ist. Ringel sei "Abwesenheitsvertreter" Sengeras, was in den Vertragswerken der WestLB vorgesehen sei, hieß es. Ein Nachfolger als Vorstandschef solle dann kurzfristig, aber auch in aller Ruhe gesucht werden. In die Suche werde sich auch der nordrhein-westfälische Finanzminister Jochen Dieckmann (SPD) einschalten, der demnächst in den Aufsichtsrat der Bank aufrückt. Das Land ist größter Anteilseigner der Bank.

In den Kreisen hieß es weiter, Sengera habe auf der Sitzung der Anteilseigner der WestLB zunächst vergeblich versucht, neben dem Land Nordrhein-Westfalen auch die Sparkassenverbände zur Unterstützung seiner Strategie zu bewegen. "Dazu hat Sengera vor allem vorgeschlagen, die Zentralbank-Funktion der WestLB zugunsten der Sparkassen in Nordrhein-Westfalen zu stärken", hieß es in den Kreisen weiter. Zudem sollte nach Sengeras Vorstellungen der Bereich Strukturierte Finanzierungen ausgeweitet werden. "Als Sengera sah, dass er nicht auf die ungeteilte Unterstützung der Anteilseigner rechnen konnte, hat er seinen Rücktritt erklärt", erfuhr Reuters weiter. Die Landesregierung in Düsseldorf sei von dieser Entscheidung letztlich überrascht worden.

Die Zeitung "Die Welt" berichtete vorab aus ihrer Dienstagausgabe, Sengera erhalte eine Abfindung von 3,25 Mill. ?. Die Bank kommentierte den Bericht nicht.

Ministerpräsident Peer Steinbrück (SPD) drückte in Köln sein Bedauern über die Entscheidung Sengeras aus, den er sehr geschätzt habe. "Ansonsten sind die Entscheidungen dort gefallen, wo sie hingehören, nämlich in den Gremien der Bank." Steinbrück war nordrhein-westfälischer Finanzminister, bevor er die Nachfolge Wolfgang Clements als Ministerpräsident in NRW angetreten hatte. Damals hatte er auch die Berufung Sengereas zum WestLB-Chef unterstützt.

Verkauf der Saunder-Sparte weiter Option

Auch Saunders wird das Unternehmen nach Angaben aus den Kreisen verlassen. Der von ihr verantwortete Geschäftsbereich Spezialfinanzierung in London werde eingestellt, hieß es weiter: "Frau Saunders muss das Unternehmen verlassen und das Principal- Finance-Geschäft soll eingestellt werden." Ein Sprecher der WestLB sagte, für die WestLB sei ein Verkauf der Sparte weiter "eine Option". Vor einer Entscheidung warte die Bank aber noch Gutachten von zwei Investmentbanken ab, die den Wert von Saunders Portfolio bestimmen sollen. Die Gutachten werden in Kürze erwartet. Ein Sprecher von Saunders sagte, die Investmentbankerin sei noch Angestellte der WestLB und habe weiter die Absicht, den Bereich Spezialfinanzierungen selbst zu übernehmen, falls dieser zum Verkauf stehe. Saunders gilt als verantwortlich für WestLB-Abschreibungen in dreistelliger Millionenhöhe im Zusammenhang mit dem von ihr betreuten britischen Fernseh-Vermieter Boxclever.

Die WestLB hatte im Mai wegen millionenschwerer Abschreibungen überraschend einen Vorsteuerverlust für 2002 von rund 1,7 Mrd. ? bekannt gegeben. Ende Februar war noch von einem Verlust in Höhe von rund einer Milliarde Euro ausgegangen worden. Das Institut ist seit Ende August 2002 eine 100-prozentige Tochter der Landesbank NRW, die wiederum zu 43,2 % dem Land gehört. Jeweils 16,7 % liegen beim Rheinischen sowie bei Westfälisch-Lippischen Sparkassen- und Giroverband. Weitere 11,7 % halten jeweils der Landschaftsverband Rheinland und der Landschaftverband Westfalen-Lippe.

Sengera selbst hatte noch jüngst erklärt, er rechne nicht mit personellen Konsequenzen. Im vom BaFin in Auftrag gegebenen Sonderprüfbericht um die Aktivitäten von Saunders, den das Bonner Institut am vergangenen Freitag dem Aufsichtsrat der WestLB überstellt hatte, war indes scharfe Kritik an der Risikokontrolle der Bank geübt worden. In Kreisen der Anteilseigner hieß es, der Bericht und die Millionen-Verluste durch Saunders seien letztlich ausschlaggebend für die Demission Sengeras und Seiberts gewesen.

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