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Milosevic erkennt das UNO-Tribunal nicht an

Der an das Kriegsverbrecher-Tribunal der UNO ausgelieferte jugoslawische Ex-Präsident Slobodan Milosevic wird sich bei der ersten Anhörung am Dienstag vermutlich nicht schuldig bekennen.

rtr DEN HAAG. Aus Kreisen der Verteidigung verlautete, Milosevic betrachte alle Anklagepunkte als politisch und fühle sich in keinem Punkt schuldig. Zur Vorbereitung der Verteidigung reisten Milosevics Anwälte am Montag nach Den Haag. Der serbische Ministerpräsident Zoran Djindjic sagte, er hoffe, dass bald weiteren mutmaßlichen Kriegsverbrechern vor Gerichten in Belgrad der Prozess gemacht werde. Milosevic ist wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit beim Feldzug gegen die Kosovo-Albaner 1999 angeklagt.

Nach Angaben eines Gerichtssprechers wird Milosevic am Dienstagmorgen erstmals nach seiner Überstellung am Freitag vor dem Gericht erscheinen. Der aus Großbritannien stammende Richter Richard May werde Milosevic fragen, ob er sich schuldig bekennt oder nicht. Milosevic hat bereits angedeutet, er werde das Gericht nicht anerkennen. "In einem Telefonat mit seiner Ehefrau (Mira) Markovic sagte er, dass er eine politische Verteidigung will, da er die Anklage gegen ihn als politisch ansieht", hieß es in Kreisen der Verteidigung. "Milosevic betrachtet den Fall als Rache der NATO, weil er und das serbische Volk ihr so oft gezeigt haben, dass sie nicht der allmächtige Polizist ist, der alles in der Welt tun kann." Milosevic habe die NATO-Führer als die wahren Verbrecher bezeichnet und verlangt, sie statt seiner anzuklagen.

Koffer ging verloren

Das Gespräch zwischen Milosevic und seinen Anwälten verzögerte sich, weil ein für ihn bestimmter Koffer, den die Anwälte mitgebracht hatten, verloren ging. Im Gepäck hatten die Anwälte Pakete der Familie für den Inhaftierten. Der 59-jährige Milosevic habe gebeten, ihm Geld, Kleidung und Bücher zu besorgen, hieß es. Milosevics Anwälte Zdenko Tomanovic und Dragan Krgovic teilten mit, sie wollten mehrere Stunden lang mit ihrem Mandanten beraten. Mira Markovic soll die beiden als Verteidiger bestimmt haben. Zeitungen in Belgrad berichteten, das Ehepaar erwäge, ausländische Anwälte hinzuzuziehen.

Milosevic ist der erste Ex-Staatschef, der sich wegen Kriegsverbrechen vor dem Tribunal verantworten muss. Djindjic sagte in Salzburg am Rande des Weltwirtschaftsforums, er hoffe, dass bald Verfahren vor Gerichten in Belgrad gegen mutmaßliche Kriegsverbrecher eröffnet würden. "Ob jemand vor einem Gericht in Belgrad oder in Den Haag oder woanders erscheint, ist eine technische Frage", sagte Djindjic. "Alle haben dasselbe Interesse, die Schuldigen vor Gericht zu bringen." Djindjic sagte aber zugleich, Jugoslawien könne noch keine hochkarätigen Fälle behandeln, da zuvor das Justiz-System reformiert und amtierende Milosevic-Anhänger ersetzt werden müssten.

Das Tribunal in Den Haag wurde eigens zur juristischen Aufarbeitung der Kriege geschaffen, die nach dem Zerfall Jugoslawiens Anfang der 90er Jahre ausbrachen. Die Erweiterung der Anklage um Verbrechen während der Kriege in Kroatien und Bosnien-Herzegowina wird nicht ausgeschlossen.

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