Minderheit will internationales Protektorat nach Kosovo-Vorbild
Albaner: "Die Nato müsste 100 Jahre bleiben"

"Die Nato müsste 100 Jahre bleiben." Die Albaner, die vor der Hauptstadt Skopje unter den Ruinen eines ehemaligen Polizeipostens sitzen, glauben nur noch an den Westen und seine Soldaten. Das Vertrauen in die mazedonischen Behörden haben die Bewohner von Aracinovo, die gerade erst wieder in ihre Häuser zurückkehren, verloren.

afp ARACINOVO. Vor zwei Monaten mussten sie vor den Gefechten zwischen Regierungstruppen und UCK-Rebellen in der mehrheitlich albanischen Region fliehen. Jetzt fürchten sie um ihre Sicherheit. "Die Nato kann in einem Monat hier nichts tun. Sie sammeln die Waffen ein, und was passiert danach mit uns?" fragt ein Mann in der Gruppe. "Hundert Jahre", murmeln seine Sitznachbarn zustimmend. Der Einsatzbefehl der Nato sieht eine zunächst auf 30 Tage begrenzte Mission vor, bei der 3 500 Soldaten die Waffen der Albanerrebellen einsammeln sollen.

"Wir hoffen, dass sich unsere Situation mit der Ankuft der Soldaten bessert", sagt der 53-jährige Lauri Qami. "Wir fühlen uns nicht sicher." In Aracinovo, wo keine Uniform der "Nationalen Befreiungsarmee" UCK mehr zu sehen ist, leben die Menschen immer noch unter bürgerkriegsähnlichen Bedingungen. Die zerfallenden Häuser sind von Mörsern und Kugeln durchsiebt, Wasser und Strom sind versiegt, die nächtliche Ausgangssperre ist weiter in Kraft. Verlassene Autowracks stehen unter abgerissenen Elektrizitätsmasten, nur ein paar Obststände bringen etwas Farbe in die grauen Straßen. "Das Leben hier ist eine Katastrophe. Wir fühlten uns sicherer, als die UCK noch hier war", sagt ein Mann auf den Stufen der zerstörten Polizeiwache.

Die Albanerrebellen nahmen vor sieben Monaten ihren Kampf gegen die Regierungstruppen auf und gaben vor, damit die Bedingungen für die albanische Minderheit in Mazedonien verbessern zu wollen. Sie kontrollieren nun noch etwa ein Viertel des Landes. Statt nur die Waffen der UCK einzusammeln, fordern die meisten albanischstämmigen Mazedonier nach dem Abzug der Rebellen nun eine längerfristige Präsenz der Allianz. Von einem internationalen Protektorat nach Vorbild des Kosovo würden sie sich eine Garantie ihrer ethnischen Minderheitenrechte erhoffen. In der Ankunft der Nato-Truppen sehen viele deshalb nur einen ersten Schritt.

Mehrere hundert UCK-Kämpfer, die Aracinovo im Juni besetzt hatten, verließen gemäß einem Abkommen mit der Nato das Dorf. US-Soldaten eskortierten sie in den von der UCK kontrollierten Norden des Landes. Mehr als siebzig Prozent der mehrheitlich albanischstämmigen Einwohner sind seitdem wieder in ihr Heimatdorf zurückgekehrt. Der Ort gilt als Umschlagplatz für Schmuggel und Schwarzhandel jeder Art. Von den 250 Slawen, die das 10 000 Einwohner zählende Dorf einst bewohnten, will nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks dagegen nur eine Minderheit wieder nach Aracinovo kommen. Aber auch die wenigen sammeln nur ihre Sachen ein und fahren weiter. Ein friedliches Zusammenleben von Slawen und Albanern kann sich auch nach dem Friedensschluss der Parteien in Skopje in der vergangenen Woche hier niemand so recht vorstellen.

In den einfachen Räumen der Gemeindeverwaltung sitzt Bürgermeister Reshat Ferati, der im Juni selbst vor den schweren Kämpfen geflohen war. Die Lage sei ruhig, versichert er. "Seit unsere Landsleute in ihre Häuser zurückkehren, hat es keinen Zwischenfall mehr gegeben." Die vertriebenen Slawen erwähnt er gar nicht. Sein Büro schmücken die Flaggen von Deutschland, den USA, Kanada und der Nato. "Wir haben hier keine Waffen mehr, keine UCK, wir glauben nur noch an Gott und die Nato", lächelt der Bürgermeister und lässt seine Goldzähne aufblitzen.

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