Mindestbeitragssatz von 12,5 Prozent
Ungewollte Einnahmen für die Betriebskrankenkassen

Die Betriebskrankenkasse Kissing ist ein klassischer Billiganbieter. Nicht mehr lange. Die Regierung will einen Mindestbeitragssatz einführen. Für die Kasse bedeutet das: Sie erhält Geld, das sie nicht will und nicht braucht. Noch ist nicht klar, wozu sie es wieder ausgeben kann.

DUISBURG. Das Chaos auf dem Schreibtisch von Andreas Groß hält sich in Grenzen. Er ist einer von vier Sozialversicherungsfachangestellten im Duisburger Callcenter der Betriebskrankenkasse (BKK) Kissing. In einem schmucklosen Großraumbüro wird der gesamte Kundenverkehr abgewickelt. Schreibtisch steht hier an Schreibtisch, die Maustaste ist das wichtigste Werkzeug der Angestellten. An Groß? Computerbildschirm lehnt zwar auch ein Sozialrechtsbuch, doch fast alle Informationen, die er zur Beratung der Mitglieder braucht, zieht er sich in Sekundenschnelle aus dem Netz.

"Ich bin nach einer Operation mehr als sechs Wochen krank geschrieben", schreibt ein Mitglied per E-Mail, "jetzt hätte ich gerne Krankengeld. Zudem fliege ich in Urlaub und benötige einen Auslandskrankenschein." Groß muss nicht lange überlegen. "Den Auslandskrankenschein", schreibt er zurück, "können Sie sich aus dem Internet ziehen und direkt ausdrucken." Das Problem mit dem Krankengeld müsse er noch lösen, die Antwort würde er in Kürze nachreichen.

Die wenigen Mitarbeiter der BKK Kissing im Duisburger Callcenter machen die gleiche Arbeit wie die vielen Tausend Angestellten anderer Krankenkassen auch. Doch statt in jeder größeren Stadt eine teure Filiale zu unterhalten, läuft der Kontakt zu den Kunden bei der Duisburger Betriebskrankenkasse ausschließlich über E-Mail, Telefon, Fax oder die Homepage im Internet. Das spart der Kasse enorme Kosten bei Personal und Miete und den Mitgliedern hübsche Summen für Beitragszahlungen.



Sonderangebot kam gut an

Erst im Juli des vergangenen Jahres öffnete sich die BKK Kissing neuen Mitgliedern. Bis dahin war die Kasse den Mitarbeitern eines mittelständischen Unternehmens im sauerländischen Menden vorenthalten, das Maschinen produziert, mit denen Pokale und andere Devotionalien hergestellt werden können. Mit einem Dumpingbeitragssatz von damals 10,5 Prozent ging die Kasse in den hart umkämpften Markt. Das Sonderangebot kam bestens an. Innerhalb von nur neun Monaten erhöhte sich die Mitgliederzahl von 100 auf 11 000.

Und noch immer buhlt die Kasse um neue Mitglieder. Das aktuelle Angebot lautet: 11,7 Prozent des monatlichen Bruttolohns. Zum Vergleich: Der allgemeine Beitragssatz der Techniker Krankenkasse liegt bei 13,2 Prozent, die Deutsche Angestellten Krankenkasse kostet 13,8 Prozent, die Mitgliedschaft in der Barmer Ersatzkasse sogar 13,9 Prozent.

Nicht nur die Duisburger Kasse konnte im vergangenen Jahr mit niedrigen Beitragssätzen ordentliche Wachstumsraten bei der Mitgliederzahl verzeichnen. Bundesweit wechselten insgesamt 1,2 Millionen Versicherte ihre Krankenkasse, und dieser Trend setzte sich auch in diesem Jahr weiter fort. Vor allem die Ortskrankenkassen und die Ersatzkassen klagen über Mitgliederschwund und befürchten den finanziellen Zusammenbruch des Systems der gesetzlichen Krankenkassen.

Das will die Bundesregierung verhindern. Die teureren Ersatz- und Ortskrankenkassen sollen dadurch konkurrenzfähig bleiben, dass alle gesetzlichen Krankenkassen dazu gezwungen werden, von ihren Mitgliedern 12,5 Prozent an Beiträgen zu kassieren. Sollten die Betriebskrankenkassen nicht freiwillig ihre Beitragssätze erhöhen, dann will Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) die Kassen gesetzlich dazu verpflichten.



Strategie durchkreuzt

Einigermaßen wütend sitzt Alfred Jensen, Chef der BKK Kissing, an diesem Morgen in seinem Büro am Duisburger Hafen. Er redet nicht lange drumherum und sagt: "Die 12,5-Prozent-Klausel durchkreuzt unsere schöne Wachstumsstrategie. Die Konkurrenz will uns nur unattraktiv machen." Der 51-Jährige raucht eine Menthol-Zigarette nach der anderen und lässt den Blick aus dem Fenster auf das Thyssen-Stahlwerk in Bruckhausen schweifen. 1996 wurde der promovierte Sozialwissenschaftler Chef der BKK Thyssen Stahl, die sich ein Jahr später mit anderen Betriebskrankenkassen zur Novitas vereinigte. Heute ist jeder zweite der 136 000 Novitas-Mitglieder Rentner, entsprechend hoch liegt der Beitrag bei 13,9 Prozent.

Doch damit die Mitglieder nicht in Scharen weglaufen und zur billigeren Konkurrenz wechseln, fädelte IG-Metall-Mitglied Jensen eine Kooperation mit der BKK Kissing ein, um den Novitas-Mitgliedern den günstigen Tarif des Kooperationspartners anzubieten. Mittlerweile ist Jensen Vorstandschef beider Betriebskrankenkassen, langfristig will er beide Kassen miteinander vereinen.

Die ungünstige Mitgliederstruktur bei Novitas soll durch die Kooperation und spätere Verschmelzung mit der BKK Kissing ausgeglichen werden. Doch nun macht ihm der Mindestbeitrag einen Strich durch die Rechnung. Wenn die BKK ihre Beiträge erhöht, ist es höchst fraglich, ob sie weiterhin in dem rasanten Tempo wachsen kann. Zwar werden die Betriebskrankenkassen das zusätzliche Geld, das sie eigentlich gar nicht benötigen und auch nicht wollten, behalten dürfen, zurückgeben an ihre Mitglieder dürfen sie es aber nicht.

Denn Ministerin Schmidt will, dass die zusätzlichen Einnahmen für ganz bestimmte Zwecke verwendet werden. Geht es nach dem Willen der Regierung, müssen die Betriebskrankenkassen dieses Geld in die Betreuung von chronisch Kranken stecken, in sogenannte Disease-Management-Programme.



Disease-Management-Programm ist eine "Sprechblase"

Was das genau ist? Jensen sitzt gemeinsam mit zwei seiner Kollegen in seinem Büro. Die Drei schauen sich an, grinsen, zucken mit den Schultern. "Das ist eine Sprechblase", sagt Jensen und bläst Zigarettenrauch in den Raum. Aus seiner Sicht sind Disease-Management-Programmen klare Grenzen gesteckt. Natürlich könnten die Mitarbeiter im Call-Center Zuckerkranke darüber informieren, wann neue Untersuchungstermine anstehen. "Aber wir dürfen keinen konkreten Spezialisten benennen."

Eigentlich hatte der BKK-Chef sich schon damit abgefunden, "das zusätzliche Geld zu verbraten, damit wir es nicht abgeben müssen". Jensen plante Rücklagen für kurzfristige und langfristige Ausgaben, dann wollte er den "Internetauftritt aufmotzen und eine Mitgliederzeitschrift produzieren".

Nun muss er sich mit der Auflage arrangieren, ein aktives Versorgungsmanagement für chronisch Kranke zu unterstützen - auch wenn er noch nicht einmal weiß, was damit gemeint ist.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%