Mindestens 55 Tote auf Marktplatz: Neue Tragödie in Bagdad

Mindestens 55 Tote auf Marktplatz
Neue Tragödie in Bagdad

Erneut ist es in der unter alliiertem Dauerbeschuss liegenden irakischen Hauptstadt Bagdad zu einer Tragödie gekommen: Nach Meldungen des arabischen TV-Senders El Dschasira wurden bei einer schweren Explosion auf einem Markplatz am Freitag mindestens 55 Menschen getötet und mehr als 50 verletzt. Ob sie Opfer eines Luftangriffs wurden, war unklar.

HB/dpa BAGDAD. Im El-Nur-Krankenhaus im Westen Bagdads wird in der Nacht zum Samstag wie am Fließband operiert. Mütter stehen fassungslos an den Betten ihrer kleinen Kinder, die, mit dicken Verbänden um Bauch und Brust, Infusionslösungen bekommen. Erschöpfte Ärzte ziehen blutverschmierte Gummihandschuhe von den Händen. Den Krankenschwestern stehen Verstörung und Trauer ins Gesicht geschrieben. Der Krieg beginnt in Bagdad seine Schrecken zu zeigen.

Am Freitagabend war auf einem belebten Marktplatz in der westlichen Vorstadt Schoarle eine Bombe oder Rakete detoniert. Nach irakischen Angaben handelte es sich um eine Rakete, die von einem amerikanischen Flugzeug abgefeuert wurde. Mehr als 50 Menschen starben, und über 50 weitere wurden zum Teil schwer verletzt. Es war die schlimmste Tragödie dieser Art seit Kriegsbeginn vor zehn Tagen.

Um 22.30 Uhr Ortszeit wird eine fahrbare Liege ins Krankenzimmer Nr. 4 geschoben. Schwestern und Pfleger heben den noch betäubten 18- jährigen Muslim Nahme in sein Bett. Von der Liege tropft viel Blut auf den Boden. Nahmes Bauch ist bandagiert, die Schwestern geben ihm eine Infusion. Neben ihm steht sein Cousin. Der schwer verletzte junge Mann mit Bauchtrauma hat bei der Explosion auf dem Marktplatz seinen Vater und einen Bruder verloren, teilt ein Arzt mit.

Das Krankenhaus am Westrand von Bagdad ist sichtlich nicht für solch schwere Fälle gerüstet. Zwölf Jahre UN-Wirtschaftssanktionen haben dem einst als vorbildlich geltenden irakischen Gesundheitswesen offensichtlich schwer zugesetzt. Es gibt keine Sauerstoffmasken und keine Geräte, um die Herzaktivität der Intensivpatienten zu messen.

Wie bei jeder Katastrophe dieser Art werden an den Patienten zunächst nur so genannte Stabilisierungseingriffe vorgenommen, um etwa innere Blutungen zu stillen. Die Bombensplitter bleiben vorerst im Körper und werden später herausoperiert, wenn es dafür Kapazitäten gibt.

"Bis dahin muss man schwere Antibiotika verabreichen", erklärt der belgische Notarzt Geert van Moorten, der als freiwilliger Helfer im Irak ist und die Szenerie im El-Nur-Krankenhaus beobachtet. "Was ich hier sehe, ist, dass sie nur relativ leichte Antibiotika haben. Die würde man bei uns gegen eine schwerere Erkältung geben." Hinzu kommt, dass Kriegswunden "schmutzige" Verletzungen sind. Die teilweise verschmorten Metallsplitter wirken im menschlichen Körper höchst infektiös.

Neben dem 18-jährigen Muslim Nahme sitzt ein älterer Mann, der bei Bewusstsein ist und dessen Rücken von blutdurchtränkten Verbänden verdeckt ist. Van Moorten lässt sich von einem irakischen Kollegen das Röntgenbild reichen. "Die kleinen, weißen Punkte" - sein Finger wandert über das Bild - "sind Splitter". Sie ziehen sich vom Brustkorb bis zur Hüfte hin. Die Schwestern haben inzwischen die Verbände abgenommen. Ein Arzt setzt dem Mann einen Brustkatheter, um ein Zusammenfallen der verletzten Lunge abzuwenden.

Im Zimmer Nr. 5 liegen sechs Kinder im Alter zwischen einem und zehn Jahren. Fatima Awid steht zwischen dem Bett ihrer eineinhalbjährigen Tochter Sadscha und dem der dreijährigen Sara. Ein Bruder der beiden Kinder ist bei dem Angriff getötet worden. Sadschas spindeldürrer Brustkorb ist in einen Verband gewickelt, in ihr kleines Nasenloch führt ein dünner Schlauch. Ob sie durchkommen wird, ist fraglich. Die Mutter starrt wie geistesabwesend vor sich hin. "Sie ist traumatisiert", konstatiert Van Moorten. Als die Fernsehkameras das Zimmer füllen, fasst sie sich. "Die Amerikaner können uns alles nehmen", sagt sie mit lauter, fester Stimme. "Aber Saddam Hussein bleibt unser Führer!"

Osama Fakrik hat seit fünf Stunden ununterbrochen operiert und Verletzte versorgt. "Warum? Warum tun sie das?", fragt er immer wieder. Der Markt, wo die Tragödie geschah, sei einer der ärmlichsten in der Stadt. "Da handelt man mit Kartoffeln und Tomaten, Fleisch sieht man da keines." Am schlimmsten sei für ihn die Vorauswahl der eingelieferten Patienten gewesen. Die Ärzte müssten vorweg Entscheidungen treffen: Wer ist schon tot, wer kann nicht mehr gerettet werden, wer benötigt am dringendsten einen Eingriff. "Da war dieses kleine Kind", erinnert sich Fakrik. "Es röchelte noch, aber ich konnte nichts mehr für es tun."

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