Mindestens einen zweistelligen Millionenbetrag muss investieren, wer auf einem Internet-Marktplatz international mitmischen will.
Kein Markt für Marktplätze (Archiv)

Mit Einkaufsplattformen im Internet wollten die Einzelhandelskonzerne ihre Beschaffungspreise drücken. Inzwischen sind die hochtrabenden Pläne der Realität gewichen.

HB DÜSSELDORF. Sie sind knallbunt, elastisch und haben die Düsseldorfer Metro AG in die New Economy katapultiert: Gummihandschuhe aus Fernost. Eine Charge der Küchenhelfer, ersteigert über den Internet-Marktplatz Global Net Xchange (GNX), ist der ganze Stolz des weltweit drittgrößten Einzelhandelskonzerns.

Denn kein anderes deutsches Handelshaus hat jemals zuvor über eine offene Plattform für den Handel zwischen Unternehmen (im Fachjargon Business-to-Business oder B2B) sein Warenlager gefüllt. Der Handelsriese steht in Deutschland bisher fast allein da auf den digitalen Marktplätzen. Nur Karstadt-Quelle hat ebenfalls seine Fühler nach dem von Oracle und Sun Microsystems entwickelten GNX-Marktplatz aus Kalifornien ausgestreckt und testet außerdem die Londoner Bekleidungs-Handelsplattform Texyard.



Doch die Pioniertat des deutschen Marktführers in Sachen Einzelhandel lässt die Branche kalt: Ob die Artikelbeschaffung übers Internet den Alltag der Wareneinkäufer bestimmen wird, ist heute fraglicher denn je. "Der Goldrausch ist verflogen", resümiert Konsumgüterspezialist Hubert Wieser von der Unternehmensberatung A.T. Kearney in Wien: "Viele Händler fragen sich, weshalb sie überhaupt bei einer solchen Exchange mitarbeiten sollen". Die Frage ist nicht unberechtigt. Die Gewinnspanne im deutschen Lebensmittelhandel liegt bei rund 1%. Die Marktplätze fordern aber 0,2 bis 0,5% Gebühr vom Umsatz, der auf ihnen getätigt wird-für die Händler ist das kaum zu bezahlen.



Das Beratungsunternehmen A.T. Kearney, das die GNX World Wide Retail Exchange-Konkurrenz (WWRX) ebenso betreut wie die Lieferanten-Plattform Transora.com (Beteiligte sind unter anderem Coca-Cola, Unilever, Kraft, Cadbury-Schweppes), rät den Handelshäusern sogar, sich in bestimmten Fällen lieber auf private Lieferantennetze zu verlassen. Die werden als E-Business-Lösung nur zwischen Einzelhändler und Herstellern direkt aufgezogen.



Tatsächlich entscheidet die jeweilige Produktkategorie, ob ein solch privater Marktplatz effizienter ist als ein offener, auf dem sich auch Konkurrenten tummeln: Für die Kölner Rewe Zentral AG beispielsweise würde die offene Ausschreibung einer Charge Coca-Cola keinen Sinn machen: Zum einen ist die Zahl der Lieferanten, die sich gegenseitig bei einer Auktion unterbieten könnten, eng begrenzt. Und wegen des ohnehin bereits enormen Abnahmevolumens des Lebensmittelhändlers und den damit verbundenen Sonderkonditionen wäre zudem kaum ein Brauseabfüller in der Lage, zusätzliche Mengenrabatte einzuräumen.



Ganz anders etwa bei Glühbirnen. Die Auswahl an Lieferanten ist groß, das jeweilige Ordervolumen gering. Wer hier Nachfrage bündelt, erzielt mitunter deutliche Preisvorteile.



Doch zum Nulltarif ist auch das nicht zu haben. Mindestens einen zweistelligen Millionenbetrag muss investieren, wer auf einem Internet-Marktplatz international mitmischen will. Das bestätigt Mattias Drefs, der für den Software-Hersteller Oracle in Deutschland Marktplätze betreut. Karstadt-Quelle will bis 2004 sogar 400 Millionen Mark in den elektronischen Handel stecken - einen Teil davon freilich ins Geschäft mit dem Endkunden. Die Höhe der Einsparungen ist dagegen weitaus schwieriger zu errechnen. "Sie hängen vom jeweiligen Geschäftsmodell ab", sagt Drefs, "und betreffen in der Regel weiche Kosten",die sich schwer messen lassen. So spielen Verbesserungen bei der Versorgungskette ("Supply Chain"), Produktentwicklung, Logistik, beim Datenaustausch und bei der Abrechnung auf Web- Marktplätzen eine viel wichtigere Rolle als Mengenrabatte durch Auftragsbündelungen.



"Dass wir mit unseren GNX-Partnern Carrefour oder Sainsbury Einkäufe zusammenlegen, ist uns aus wettbewerbsrechtlichen Gründen sogar untersagt", erklärt der für E-Business zuständige Metro-Vorstand Zygmunt Mierdorf. GNX besteht aus separaten Mandantensystemen, die durch Firewalls voneinander abgeschirmt sind. Preisvorteile durch gebündelte Einkaufsmacht bei Nestlé, Unilever und Co.? Fehlanzeige.



Kein Wunder, dass sich viele Handelshäuser ins private Netz zurückziehen. Weltmarktführer Wal-Mart beliefert, begleitet vom Konsumgüterkonzern Philip Morris, über sein eigenes Retailers Market Exchange 3000 Tankstellenshops des Ölkonzerns Chevron.



Seit Anfang des Monats ordert zudem die Karlsruher Drogeriemarktkette Mark per Netz bei ihren Industriepartnern. Technisch unterstützt von GE Global Exchange Services, einer Tochter des US-High-Tech-Konzerns General Electric, deckt sich Deutschlands zweitgrößter Drogeriefilialist auf elektronischem Wege bei Pharma- und Konsumgüterfirmen wie Glaxo Smithkline oder Henkel ein. Im Gegenzug erhalten die Markenhersteller täglich Einblick in die detaillierten Verkaufszahlen der DM-Filialen und können diese für ihr Marketing auswerten. Auf ähnliche Lösungen von GE greifen auch die britischen Wickes-Baumärkte und die Supermärkte der Tesco-Gruppe zurück. Die Extranet-Plattformen bleiben dabei stets im Besitz von GE.



Lose Konsortien wie die World Wide Retail Exchange (WWRX) kommen dagegen weit mühsamer voran. An WWRX ist Tesco ebenfalls beteiligt, aber auch Ahold, Marks & Spencer, Safeway und andere. Ihnen fehlt das gemeinsame Ziel: Zu unterschiedlich sind die Anforderungen der Mitgliedsunternehmen an das Einkaufsportal, das im Gegensatz zu GNX keine Eigenständigkeit besitzt. Ein gemeinsamer Abwicklungsstandard für die zahlreichen WWRX-Teilnehmer rückt in immer weitere Ferne. "Das ist ein Riesen- Elefant", klagt ein Beteiligter.



Mehr Optimismus zeigt die Metro, Gesellschafter des Konkurrenten GNX. "Im vergangenen Jahr haben die acht beteiligten Konzerne über die Plattform 500 Millionen Dollar umgesetzt", berichtet Vorstand Mierdorf. "Für 2001 rechnen wir mit 5 bis 7 Milliarden Dollar." Denn bei den bisherigen Auktionen soll es nicht bleiben: Seit der Jahreswende testet nicht nur GNX- Mitglied Sainsbury den kompletten Web-Datenaustausch mit den Markenartiklern Unilever und Kimberly-Clark. Auch die Metro kommuniziert über den elektronischen Marktplatz probeweise mit Lieferant Procter & Gamble. Aufträge und Rechnungen erstellen die Partner dabei in der Netz-Sprache XML.



Mit dieser Auszeichnungssprache sind große Hoffnungen verbunden: Zum Beispiel lassen sich Datum, Rechnungsbetrag oder Artikelnummer automatisch im Dokument erkennen. Dass bei unterschiedlichen XML-Spielarten im Detail bislang Standards fehlen, ficht die Düsseldorfer nicht an. Mierdorf: "Die Metro ist in allen wichtigen XML-Standardisierungsgremien prominent vertreten."



Allzu kompliziert wird es nicht werden: Mit neuen Plattformen für den Einzelhandel ist, außer vielleicht bei Spezialsortimenten, kaum zu rechnen. Oracle-Manager Drefs: "Mehr als zwei bis drei Marktplätze in Deutschland lassen sich nicht finanzieren."

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