Mineralölkonzern sticht mit Milliarden-Offerte für größten britischen Ölförderer Konkurrenz aus
Shell will Enterprise Oil kaufen

Das Rennen um den größten britischen Ölförderer scheint beendet: Enterprise Oil will sich für fast sieben Milliarden Euro vom Ölriesen Shell schlucken lassen. Auch andere Energiekonzerne hatten ein Auge auf das Unternehmen geworfen. Als Favorit galt in der Branche ursprünglich der italienische Konzern Eni.

LONDON. Der niederländisch-britische Ölriese Shell plant die Übernahme der größten britischen Ölförderfirma Enterprise Oil für 4,3 Mrd. £ (6,9 Mrd. Euro). Damit hat der zweitgrößte Ölkonzern der Welt in einem Überraschungs-Coup vor allem die italienische Eni ausgestochen, die bisher als aussichtsreichster Interessent für Enterprise Oil galt. Auch die norwegische Statoil und die französische Totalfina Elf sollen ein Gebot geprüft haben.

Enterprise Oil hatte die Spekulationen um eine Übernahme im Januar selbst ausgelöst, als das Unternehmen erklärt hatte, es verhandele über ein Kaufangebot. Wettbewerbsrechtliche Probleme werden für die Shell-Offerte nicht erwartet.

Der Enterprise-Vorstand unterstützt das Übernahmeangebot von Shell zum Preis von 725 Pence je Aktie. Analysten in London halten ein Gegenangebot für unwahrscheinlich. Mit dem Gebot sei Shell bereit, einen deutlichen Aufpreis zu zahlen, um die Konkurrenz auszustechen. Die Offerte bewertet Enterprise Oil mit rund 3,5 Mrd. £, dazu übernimmt Shell noch Schulden in Höhe von 800 Mill. £.

Eni hatte erst kürzlich erklärt, der Konzern sei nicht bereit, mehr als 700 Pence pro Enterprise-Aktie zu zahlen. Gestern erklärte der italienische Energiekonzern, das Interesse an dem britischen Unternehmen sei ohnehin nur theoretisch gewesen.

Alle großen Ölkonzerne sind momentan mit gut gefüllten Kriegskassen auf der Suche nach neuen Fördermöglichkeiten. Vor allem Großbritannien gilt als interessanter Markt, weil es hier zahlreiche kleinere Förderfirmen wie etwa Cairn Energy, Tullow Oil oder Dana Petroleum gibt. Die Nordsee gilt zudem als interessante Quelle: Hier lagern nach Expertenschätzungen noch rund 27 Mrd. Barrel (je 159 Liter) Rohöl. Eni hat sich bereits mit British-Borneo und Lasmo zwei britische Ölfirmen einverleibt.

Shell steht besonders unter Druck, weil der Konzern langsamer wächst als die großen internationalen Konkurrenten wie BP und Exxon. Der Mineralölkonzern hat bereits seine Wachstumserwartungen für die kommenden fünf Jahre von fünf auf drei Prozent pro Jahr reduzieren müssen. Analysten in London sehen darum in der Übernahme von Enterprise Oil durchaus Sinn. Dies habe "strategisch Sinn", erklären etwa die Branchenanalysten der Investmentbank Dresdner Kleinwort Wasserstein. Enterprise Oil hat 35 Ölfelder und besitzt Reserven von rund 1,4 Mrd. Barrel Rohöl.

Mit Enterprise Oil stärkt Shell vor allem die Förderkapazitäten in der Nordsee, bekommt aber auch Ölfelder in Lateinamerika und erstmals in italienischen Gewässern. Allerdings bezweifeln Marktbeobachter, ob das reicht, um die Lücke auf der Produktionsseite zu füllen. Dave Thomas von der Commerzbank in London sieht dies kritisch. "Der Kauf ist nicht groß genug", warnt er. Die Fördermenge von 260 000 Barrel am Tag, die Enterprise Oil für das laufende Jahr plane, entspreche gerade einmal einem Zuwachs von sieben Prozent für Shell.

Immerhin könne die Übernahme als Sprungbrett in neue Fördergebiete dienen, sagt Charlie Luke von der Fondsgesellschaft Aberdeen Asset Management, einem Enterprise-Aktionär. Für diese bedeutet das Shell-Angebot einen Aufschlag von 45 % auf den Kurs der Enterprise-Oil-Aktie seit der Ankündigung der Verhandlungen im Januar. In den vergangenen zehn Jahren hatte sich die Enterprise-Aktie allerdings deutlich schlechter entwickelt als die Werte der britischen Konkurrenten. Gestern legte der Kurs nach Bekanntwerden der Shell-Offerte noch einmal um 15 % zu.

Shell-Chairman Phil Watts bezeichnete die Enterprise-Oil-Übernahme als attraktives Geschäft zu einem fairen Preis. Shell gehört zu 60 % der niederländischen Royal Dutch Petroleum und zu 40 % der britischen Shell Transport Trading. Beide Aktien legten gestern leicht zu. Shell hatte in der vergangenen Woche bereits für 1,8 Mrd. $ die Pennzoil State Co. -Quaker übernommen und ist damit nun in den USA die Nummer eins auf dem Schmiermittelmarkt.

Die Investmentbank Schroder Salomon Smith Barney berät den Shell-Konzern bei der geplanten Übernahme. Enterprise Oil wird seinerseits von den Investmentbanken NM Rothschild & Sons und Morgan Stanley beraten.

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