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Minister und Abgeordnete in Freiflug-Affäre

Nach dem Grünen-Abgeordneten Cem Özdemir sind weitere jetzige und frühere Bundestagsabgeordnete in die so genannte Freiflug-Affäre um privat genutzte Bonus-Meilen geraten.

JÜRGEN TRITTIN : Bundesumweltminister seit 1998. Der 1954 in Bremen geborene Diplom-Sozialwirt und Journalist begann seine politische Laufbahn in der alternativ-grünen Ratsfraktion in Göttingen, zog in den Landtag ein, war niedersächsischer Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten, vertrat Bündnis 90/Die Grünen von 1994 bis 1998 als Sprecher des Bundesvorstandes. Als Bundesumweltminister wurde er zuletzt mit "unpopulär, aber erfolgreich" beschrieben. Nach einigen Eklats wackelte sein Stuhl noch Anfang 2001 bedenklich. Der Name des schnauzbärtigen Zwei-Meter-Mannes ist vor allem verbunden mit Atom-Ausstieg, Öko-Steuer und Dosenpfand - aber auch mit dem "Skinhead"-Vergleich zum CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer.

CEM ÖZDEMIR : Erstes Opfer der Freiflug-Affäre wurde der "anatolische Schwabe" Cem Özdemir. Der 1965 als Kind türkischer Einwanderer in Bad Urach geborene Diplom-Sozialpädagoge trat als innenpolitischer Sprecher der grünen Bundestagsfraktion zurück. Özdemir, seit 1983 deutscher Staatsbürger, galt als in jeder Beziehung untadelig: Fleiß, formvollendete Manieren und gute Kleidung wurden zu seinem Markenzeichen. Schwerpunkte seines Engagements waren der Naturschutz, das Staatsbürgerschaftsrecht, Zuwanderung und Antirassismus sowie Verschärfung des Parteiengesetzes. Obwohl er nicht zur allerersten Garnitur seiner Partei gehörte, kürte der Sender Freies Berlin den häufig in Talkshows glänzenden Özdemir als "Multi-Kulti-Mann" des Jahres 1997.

LUDGER VOLMER : Parlamentarischer Staatsminister im Auswärtigen Amt seit 1998. Bis 1998 war der 1952 in Gelsenkirchen geborene Sozialwissenschaftler linker Wortführer der grünen Bundestagsfraktion. Die Wandlung Volmers vom Pazifisten zum Pragmatiker deutete sich schon in den Verhandlungen zur Bildung der ersten rot-grünen Bundesregierung an. 1999 stärkte er Außenminister Joschka Fischer beim Nato-Angriff gegen Jugoslawien den Rücken. Der eher hinter den Kulissen wirkende Volmer gilt als Mitbegründer der Grünen. Als deren Vorstandssprecher (1990 bis 1994) wurde aus einem vorher blassen Halblinken eine Integrationsfigur. Er wirkte Anfang der 90er Jahre wesentlich an der Stabilisierung der zerstrittenen Grünen und am Zusammenschluss mit dem ostdeutschen Bündnis 90 mit.

GÜNTER NOOKE : Stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion und Berliner Spitzenkandidat bei der Bundestagswahl im September. Der 1959 in der Lausitz geborene Physiker fand über die DDR-Friedensbewegung zur Politik. Nach den ersten freien Wahlen des Jahres 1990 gehörte er als Parteiloser der Volkskammer an, danach als Vorsitzender von Bündnis 90 dem brandenburgischen Landtag. Nookes Vorwurf, der damalige Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) habe im Zusammenhang mit der Vergabe einer DDR-Medaille gelogen, führte im März 1994 zum Bruch der Ampelkoalition aus SPD, Liberalen und Bündnis 90. Nooke, der sich nie als Grüner fühlte und die PDS vehement ablehnte, trat 1996 in die CDU ein. Über die Berliner Landesliste schaffte er 1998 den Einzug in den Bundestag, bereits nach gut einem Jahr wurde er Fraktionsvize.

GREGOR GYSI : PDS-Wirtschaftssenator in Berlin von Januar bis Ende Juli 2002. Der promovierte Jurist, geboren 1948, machte sich zu DDR-Zeiten einen Namen in Anwalts- und Dissidentenkreisen. Vorwürfe, er habe damals zum Nachteil von Mandaten mit der Stasi zusammengearbeitet, bestritt Gysi heftig. Unter seiner Führung wurde die SED in PDS umbenannt. Von der ersten frei gewählten Volkskammer wechselte Gysi nach der Wiedervereinigung 1990 in den Bundestag, wo er zehn Jahre lang redegewandt als Gruppen- und Fraktionschef der Sozialisten amtierte. Nach gescheiterten Verhandlungen über eine Ampelkoalition in der Hauptstadt muss Gysi als Mitglied des SPD/PDS-Senats zeigen, wie sich im hochverschuldeten Stadtstaat PDS-Vorstellungen in konkrete Politik umsetzen lassen.

Von dpa/HB

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