Archiv
Ministerium wirft Bayer Fehler bei Lipobay vor

Das Bundesgesundheitsministerium hat dem Pharmakonzern Bayer vorgeworfen, wichtige Informationen über das vom Markt genommene Medikament Lipobay zurückgehalten zu haben.

rtr BERLIN. Der Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, Klaus Theo Schröder, sagte am Donnerstag in Berlin, es handele sich um ein "völlig unakzeptables Informationsverhalten". Bayer habe bereits am 15. Juni Kenntnis über mögliche gefährliche Nebenwirkungen gehabt, die zuständige Behörde jedoch erst am 10. August nach dem Rückruf informiert. Es werde geprüft, ob ein Rechtsverstoß vorliege. Das Ministerium erwäge, die Sanktionen zu verschärfen. Die Aktie von Bayer verlor am Donnerstag weiter an Wert und fiel zeitweise auf 32,51 ?.

Deutsche Anwälte warnten Bayer vor Schadenersatzklagen. Schröder sagte, Bayer habe am 15. Juni 2001 eine Studie vorgelegen, die einen neuen Erkenntnisstand über die Nebenwirkungen des Cholesterinsenkers Lipobay enthalten habe. Das Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) sei nicht wie notwendig unverzüglich informiert worden, sondern erst am 10. August, zwei Tage nach dem Rückruf des Medikaments. Am Tag zuvor habe das Institut das Unternehmen aufgefordert, ihre Kenntnisse über das Medikament vorzulegen. Schröder sagte, Bayer sei verpflichtet gewesen "fristgerecht und aus eigenem Antrieb" die Behörde zu informieren. Aus der Studie gehen nach Angaben des Bundesinstituts höhere Risiken durch den Wirkstoff des Arzneimittels als bisher bekannt hervor.

Schröder sagte, Fehler habe Bayer auch bei der Information über die Marktrücknahme gemacht. Das Arzneimittel-Aufsichtsamt und das Bundesaufsichtsamt für den Börsenhandel hätten mindestens gleichzeitig informiert werden müssen. "Aber nicht einmal dies hat die Firma Bayer für notwendig erachtet", erklärte Schröder. Der Konzern hatte zunächst nur den Börsenhandel informiert und dies mit Bestimmungen des Aktienrechts erklärt. Für das Gesundheitsministerium gelte das Motto: "Erst die Gesundheit, dann der Markt."

Nach Angaben des Arzneimittel-Aufsichtsamts wird die Prüfung der möglichen Fristverletzung bei der Weitergabe der Studie in etwa einer Woche abgeschlossen sein. Möglich ist nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums ein Bußgeld von bis zu 50 000 DM. Schröder sagte, da dieser Betrag für einen Großkonzern wenig beeindruckend sei, werde erwogen, die Sanktionsmöglichkeiten zu erweitern. Zudem müsse künftig die gesamte Konzernspitze für mangelnde Informationspolitik verantwortlich gemacht werden können. Das Bundesgesundheitsministerium plane zudem, den Informationsaustausch über Medikamente zu verbessern.

Bayer hat das Medikament Lipobay wegen möglicher tödlicher Nebenwirkungen des darin enthaltenen Wirkstoffs Cerivastatin vom Markt genommen. Schröder sagte, dem Bundesinstitut sei bislang ein Todesfall in Deutschland bekannt, bei dem ein Zusammenhang mit der Einnahme des Medikaments möglich sei. Zwei weitere Fälle würden überprüft. Bayer geht weltweit von derzeit 52 Todesfällen aus, die in zeitlichem Zusammenhang mit der Einnahme von Cerivastatin stehen, fünf davon in Deutschland.

Der Kölner Rechtsanwalt Gerhart Baum forderte Bayer zu einer gütlichen Einigung mit Geschädigten des Präparats Lipobay auf. Andernfalls seien Klagen in den USA möglich. Geprüft werde auch, ob das Bundesgesundheitsamt und in Einzelfällen auch Ärzte zu Schadenersatz herangezogen werden könnten.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%