Ministerpräsident Christian Wulff
Häutung eines Niedersachsen

Christian Wulff ist ein vorsichtiger Politiker. Erfolgsrezepte schaut er sich gern auch bei anderen ab, bei Angela Merkel etwa. Und deshalb hat der niedersächsische Ministerpräsident ebenso wie die CDU-Chefin wenige Monate vor einer entscheidenden Wahl lange mit dem Publizisten Hugo Müller-Vogg gesprochen. Das Ergebnis ist bei CDU-Politiker Wulff, was es bei Merkel war.

BERLIN. Eine "Gesprächsbiographie" in Interview-Form, mit der er sich im niedersächsischen Landtagswahlkampf persönlich und politisch ins rechte Licht rücken kann - ohne dabei letztlich die Kontrolle zu verlieren. Tatsächlich erlebt die Öffentlichkeit derzeit eine neue Wulff-Offensive; vergangene Woche die Buchvorstellung, am Wochenende der Besuch beim Papst, "privat" natürlich, aber dennoch publik.

Auf den ersten Blick überrascht die Offensive. Denn die Umfragen weisen eine satte Mehrheit für den Regierungschef in Hannover aus. Nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass die Linkspartei im Flächenland Niedersachsen in den Landtag einrücken sollte, müsste Wulff überhaupt um den Bestand seiner schwarz-gelben Regierung bangen. Als Hauptsorge galt der CDU bisher vor allem, dass angesichts der scheinbar eindeutigen Situation Ende Januar zu viele CDU-Anhänger der Wahlurne fern bleiben könnten.

Doch Christian Wulff will für alle Enventualitäten vorbereitet sein. Der Wahlkämpfer spürt, dass statt Reformpolitik und Einschnitten plötzlich Verteilungsdiskussionen im Mittelpunkt der Debatten stehen. Dass könnte auch die Stimmung bei den Landtagswahlen in Niedersachsen und Hessen Ende Januar verändern. Ausgerechnet in seiner Heimatstadt Osnabrück kämpft zudem der Autozulieferer Karmann ums Überleben - und die Dominanz Porsches bei VW verhindert, dass Landesvater Wulff dort für neue Aufträge sorgen kann.

Nun soll eine Imageveränderung und ein gezielter Angriff ins Gefühlsleben sozialdemokratischer Wählerschichten helfen. Die Probleme von Alleinerziehenden kann der 48-jährige wegen seiner neuen Beziehung zu der 33-jährigen Bettina Körner besser verstehen. Der lange als "idealer Schwiegersohn" titulierte Wulff bekennt sich zwar zum "Leitbild der Familie", entdeckt aber auch die "Brüche in der Biographie" - das galt eigentlich als Markenzeichen seines früheren Rivalen Gerhard Schröder. Ansonsten zeichnet er sich in dem Buch "Besser die Wahrheit" genau so, wie eine moderne Führungskraft heute zu sein hat: fleißig, aber nicht besessen (90 Stunden reichen), selbstkritisch ("Nichtraucher-Debatte falsch eingeschätzt"), vor allem nicht machtversessen ("Ich könnte wochenlang ohne Politik sein").

An einer zweiten Front eifert Wulff erkennbar Merkel nach. Denn die zumindest verbale "Sozialdemokratisierung" der Kanzlerin vollzieht der Ministerpräsident auf Landesebene nach. Er spricht sich mittlerweile öffentlich für Mindestlöhne und "existenzsichernde Löhne" aus, wenn auch branchenspezifisch. Höhepunkt seines Wandels aber ist sein überraschendes Plädoyer für neue Gesamtschulen, falls Eltern dies wünschten. Das soll der SPD auch in der Schulpolitik den Wind aus den Segeln nehmen. Peinlich allerdings: In dem soeben veröffentlichten Buch betont Wulff noch, es werde mit ihm keine neuen Gesamtschulen in Niedersachsen geben.

Nur in einem Punkt hat sich der CDU-Politiker übrigens nicht an das Vorbild der kontrollverliebten Kanzlerin gehalten - und dürfte dies bereuen. Diese wollte für ihr Buch "Mein Weg" damals kein fremdes Vorwort. Doch im Wulff-Buch wärmt Manfred Bissinger in seiner Einleitung prompt jene These auf, die Wulff im Buch endgültig zu zertrümmern versuchte: Dass er eines Tages doch Kanzler werden will.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%