Ministerpräsident Zhu sieht Fundament der Reformen bedroht
Betrugswelle schwappt über Chinas Wirtschaft

Eine Welle von Unehrlichkeit schwappt über China hinweg. Die Sitten im Wirtschaftsleben des Landes, das beklagen auch ausländische Investoren, sind so rau geworden, dass Glaubwürdigkeit und Vertrauen auf dem Spiel stehen.

mg PEKING. Offizielle Zahlen verdeutlichen das Phänomen. Die Hälfte von vier Milliarden Verträgen ist in irgendeiner Form arglistig, heißt es. Korruption zehre bis zu 17 % des BIP auf. Steuerbetrüger kosteten den Staat 12 Mrd. $ pro Jahr. Schlechte und gefälschte Waren haben einen Marktanteil von 40 %. Ein Fünftel des Budgets für die Infrastruktur wird von Bestechung aufgezehrt. Zwei Drittel der größten Staatsfirmen frisieren ihre Bilanzen.

Dies scheint das größte Problem zu sein. Premier Zhu Rongji hat im Frühjahr nach einem Besuch beim Shanghai State Accounting Institute gut sichtbar "bu zuo jia zhang" ins Gästebuch geschrieben, "kein Betrug in den Büchern". Zhu hat eine Kampagne zur "Verteidigung der Marktordnung" gestartet. Er sieht die Grundlagen der Reformen bedroht.

Lokale und regionale Medien teilen den Eindruck. "Beschiss, Betrug und Täuschung" überschreibt die Zeitschrift China International Business in der jüngsten Ausgabe den Leitartikel. Das Magazin Far Eastern Economic Review hat China gar zur "Volksrepublik der Betrüger" gekürt. Grassierende Korruption, Steuerflucht, gefälschte Waren und Identitäten. Bis hin zu Kreditbetrug, Schmuggel, frisierten Verträgen und getäuschten Konsumenten wird alles aufgezählt, was im Prinzip bekannt ist. Selbst Chinas Unternehmer sind alarmiert. Jetzt wollen sie handeln. Die China Federation of Industry and Commerce - Chinas Version des BDI - hat den 19. September zum "Tag der Glaubwürdigkeit" ernannt.

Welle der Unehrlichkeit

Fast täglich berichten westliche Angestellte, Unternehmer und Touristen, wie sie in der ein oder anderen Form in China übervorteilt wurden. Thailands Botschaft in Peking kaufte jüngst für VIP-Gäste mehrere Kartons voll aromatischer Orangen - dachte sie jedenfalls. Die beschenkten Gäste stellten nach der Heimkehr beim Auspacken entsetzt fest, dass in den Kartons Wasserflaschen waren, um sie zu beschweren. Zehntausenden Chinesen, die von ihren Ersparnissen eine Wohnung kaufen, enthalten betrügerische Makler die Eigentumspapiere vor. Der Firmenberater Jürgen Kracht in Hongkong wies per Befragung nach, dass in vier von zehn Fällen chinesische Firmen in Joint Ventures mit westlichen Counterparts die gemeinsamen Produkte nachbauen und billiger verkaufen.

Die Welle der Unehrlichkeit hat zwei wesentliche Gründe. Erstens ist das Land Richtung Marktwirtschaft aufgebrochen. Das Koordinatensystem der Staatswirtschaft löst sich auf. Aber die Regeln für das neue System sind noch nicht vollständig geschrieben. Windige Geschäftsleute kreieren eigene Regeln, nicht immer zum Vorteil der Konsumenten. Hinzu kommt ein politisches Versäumnis. Das Dogma der Pekinger Führung - wirtschaftliche Reformen vor politischer Öffnung - verhindert bisher den Aufbau gesellschaftlicher Institutionen zwischen Familie und Staat. Der Schutz von Konsumenten kann sich kaum entwickeln. Im Gegenteil: Grassierende Korruption von Parteikadern und Staatsdienern animieren die 1,3 Mrd. Chinesen, sich ihren Teil vom Kuchen zu sichern.

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