Ministerrücktritt
Analyse: Blair kämpft um seine Macht

Mit dem Rücktritt des britischen Parlamentsministers und Labour-Fraktionschefs Robin Cook hat am Montag Tony Blairs Kampf ums politische Überleben begonnen. Der Kampf wird auch dann nicht ausgestanden sein, wenn der Premierminister, wie zu erwarten ist, in der Unterhausdebatte am Dienstag die Mehrheit der Abgeordneten hinter sich bringt.

Viele im Lande und in der Labour-Partei werden sich unter dem Eindruck des Krieges zähneknirschend hinter die Regierung stellen. Doch der nagende Zweifel in der Labour-Partei wird bleiben - selbst wenn das Kriegsabenteuer im Irak glimpflich ablaufen sollte. Wie stark die Zweifel sind, wird man heute an der Zahl der Rebellen in der Labour-Fraktion ablesen können.

Cook hatte lange schon durchblicken lassen, dass er einen Irak-Krieg ohne zweite Uno-Resolution nicht mittragen will. Anders als die Entwicklungsministerin Clare Short, die ihre Vorbehalte vor einer Woche lauthals hinausposaunte, hielt Cook mit seiner Meinung in den letzten Tagen aber hinter dem Berg. Das macht ihn nun für Blair umso gefährlicher. Short hatte mit ihrer lauten Attacke ja keine Absetzbewegung von Blair, sondern den Schulterschluss in der Partei ausgelöst. Gestern nahm sie zur Verwunderung aller an der Kabinettssitzung teil.

Man sieht, wie komplex die Politik des britischen Premiers ist. Short könnte durch die Versicherungen von US-Präsident George W. Bush beim Azorengipfel bei der Stange gehalten worden sein, dass die Uno eine tragende Rolle im Nachkriegsszenario spielen wird. In dieser Versicherung - und in Bushs Verpflichtung auf eine Nahostinitiative - zeigt sich, wie Blair seinen Einfluss in den nächsten Wochen einsetzen will. Viele seiner Kritiker wird das beeindrucken.

Labours Hinterbänkler sehen die enge Partnerschaft ihres Premiers mit dem ungeliebten Texaner allerdings mit tiefem Misstrauen. Aber viele verstehen Blairs Internationalismus und haben Respekt für die enorme Anstrengung, mit der er sich für die diplomatische Uno-Lösung einsetzte. Gleichzeitig schüren langjährige Blair-Anhänger wie der ehemalige Kulturminister Chris Smith jetzt den Widerstand gegen den Premier - während Labour-Linksaußen wie die Waliserin Ann Clywd aus humanitären Gründen einen Regimewechsel in Bagdad fordern. Viele Abgeordnete sehen ihre Karrieren bedroht - eingezwängt zwischen Labours Fraktionseinpeitschern auf der einen Seite und der Parteibasis, die in den Wahlkreisen über die Kandidatenaufstellung für die nächste Unterhauswahl entscheidet.

Wird Cook nun den linken Flügel anführen, dem Blair aus allen möglichen Gründen schon lange ein Dorn im Auge ist? Wird er die Anhänger seines Erzfeindes, Schatzkanzler Gordon Brown, aus der Reserve locken und einen Bürgerkrieg in der Partei anzetteln? Labour-Abgeordnete werden sich gestern an die Rücktrittserklärung Sir Geoffrey Howes im November 1990 erinnert haben - der die gleiche Position wie Cook innehatte. Das war damals der erste Streich im Putsch gegen Frau Thatcher. Labour-Abgeordnete wissen am besten, dass sich die Konservativen bis heute nicht davon erholt haben. Wie damals bei den Tories gibt es heute auch in der Labour-Partei niemanden, der Blair das Wasser reichen könnte - mit diesem Pfund wird der Premier in seinem politischen Überlebenskampf wuchern.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%