Mischung aus Apathie und Verwirrung
Business as usual

Es ist Tag 1 nach Kriegsbeginn im Irak und ein paar Händler bei J.P. Morgan diskutieren über die Schlacht, die gerade in Gang ist. Nicht über die im Irak, sondern über die um die Übernahme der britischen Supermarktkette Safeway. Einer von ihnen, Bill Ayling, ein Bondhändler, der wild gestikulierend vor einem der großen Bildschirme sitzt, fasst die Stimmung zusammen: "Gerade wird die Weltgeschichte neu geschrieben und wir müssen uns hier mit der Lebensmittelbranche befassen."

bba LONDON. Endlich haben die Finanzmärkte den Krieg, auf den sie so lange hingefiebert haben, und jetzt wo er ausgebrochen ist, wissen sie nicht, was sie davon halten sollen. Das Eröffnungsbombardement war viel weniger dramatisch als erwartet. Und die Investoren? Sie reagierten mit einer Mischung aus Apathie und Verwirrung, halten sich erst Mal zurück und warten ab, wie sich die Sache im Irak entwickeln wird. Das Handelsvolumen war alles in allem sehr gering an diesem Donnerstag.

Und deshalb wandten die Händler ihre Aufmerksamkeit schnell wieder den Events in der Unternehmenssparte zu , mit denen sie sich normalerweise beschäftigen. Im Kriegsgebiet, so meldeten im Lauf des Donnerstags die Nachrichtensender und Agenturen , schlugen Scud-Raketen im Norden von Kuwait ein - auf dem Parkett dagegen war business as usual angesagt: die Händler beschäftigten sich mit der 5 Milliarden Euro-hohen Kapitalerhöhung bei der Allianz und den jüngsten Entwicklungen in der Übernahmeschlacht um die britische Supermarktkette Safeway.

Gelassenheit wird nicht lange anhalten

Doch die Gelassenheit gegenüber dem Krieg wird nicht lange anhalten. Genau wie im vergangen Jahr während der Invasion Afghanistans wird es auch jetzt im Irakkrieg eine Fülle an kurzfristigen Trading- Möglichkeiten geben, während die Gerüchte ihre Runde durch die Finanzmärkte machen. In den nächsten Tagen, so prognostizieren es einige Händler, wird von Saddam berichtet werden, dass er entweder auf der Flucht, in Gefangenschaft oder schon tot ist - und das mehrere Male am Tag.

Langfristig werden die Investoren und andere Marktteilnehmer dann nach Anzeichen suchen, dass der Krieg womöglich länger dauern wird als erwartet. Wenn das eintritt - darin sind sich die meisten einig - - könnte das für Unruhe sorgen.

J.P. Morgan, Donnerstag früh um halb acht während der Morgenkonferenz am Europa-Desk für Kredit- und Derivatenhandel: Hier unterhält man sich vor allem über die angestrebte Kapitalerhöhung des Münchner Allianzkonzerns und über die Herabstufung des französischen Versicherungskonzerns Axa. Anfragen kamen viele, die meisten bezogen sich aber auf Preisinformationen. Händler, die sich in den vergangenen Wochen und Tagen auf alles mögliche vorbereitet hatten, kehrten schnell zur vertrauten Routine zurück. "Bei den Märkten geht's immer um Erwartungen und um Wahrnehmung", so der Händler Jeremy Rogers. " Die Erwartung war die, dass es Krieg geben würde, und die hat sich erfüllt. Jetzt warten alle schon wieder auf das nächste Event." Ein anderer, Brynn Lewis, DeskChef für den Finanzinstituten- Handel ("financial institutions trading") beklagt sich, dass es viel Gerede gegeben hätte, aber wenig Handelsvolumen.

Donnerstag morgen, zwanzig nach acht: Ein Händler stößt den ersten lauten Schrei des Tages aus. Doch auch der hat nichts mit dem Krieg zu tun. Er freut sich über einen vielversprechenden Deal, den er ein paar Tage zuvor mit Safeway Bonds eingefädelt hatte. Und die verbilligten sich am Donnerstag vormittag langsam aber sicher, und das wird ihm vermutlich einiges einbringen.

Commerzbank Securities, London: Die Händler sind hier angesichts des Irakkrieges genauso unaufgeregt. Charlie Bridge, einer von ihnen: "Alle, mit denen ich heute morgen gesprochen habe, wissen überhaupt nicht, was sie vom Krieg halten sollen." Und fügte hinzu, dass die Investoren in den kommenden Tagen wohl auf Anzeichen von guten oder schlechten Nachrichten warten werden.

Was denn eine schlechte Nachricht wäre? "Wenn Dick Cheney einen Herzanfall bekäme, das wäre eine schlechte Nachricht," witzelt Oliver Hoare, Sales Trader für Europa. "Wenn allerdings Alan Greenspan einen bekäme, dann wäre das- fatal". Lucy Alexander aus dem gleichen Bereich stellt fest, dass manche Unternehmen mehr von unerwarteten Ereignissen wie beispielsweise Währungsschwankungen beeinflusst wurden als durch den Krieg. " Einige der Pharmakonzerne haben große Dollarumsätze gemacht". sagt sie. Währungsfragen sind für die Märkte momentan eine zentrale Frage.

Zwanzig nach zehn, auf einem der großen Bildschirme bei J.P. Morgan flimmern Headlines des Senders Sky News, dass amerikanische Patriot-Raketen die irakischen Scud-Flugkörper abgeschossen hätten. Die Händler interessiert das nicht, sie wenden sich ihrem Tagesgeschäft zu. Der langsam steigende Geräuschpegel zeigt, dass sich niemand mehr von den Nachrichten unterbrechen lässt.

Bis um elf Uhr an diesem Morgen hat das Handelsvolumen dann etwas zugenommen, liegt aber immer noch unter Durchschnitt. Tim Frost, Chef des Bereichs Credit Rating, berichtet, dass sein Desk etwa 100 Millionen Euro an Kreditderivaten und eine ähnliche Summe an Bonds gehandelt hätte. An einem normalen Tag setzen die Teams jeweils etwa 1 Milliarde Euro um. Als Frost einen der Händler fragte,was das Handelsvolumen machte, antwortete der nur "Entsetzlich".

Andere warteten einfach nur darauf, dass sich der Handel nach zwei Wochen Auf und Ab wieder normalisiert. Oliver Hoare von der Commerzbank sagte, viele Investoren - selbst die risikofreudigen die in Hedge Funds investieren - wären von der jüngsten Marktvolatilität doch etwas verschreckt.

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