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Missbrauch bei Ad-hoc-Mitteilungen kein Einzelfall

Als die Infomatec AG im Mai 1999 per Ad-hoc einen 100.000-Stück-Auftrag von MobilCom meldete, sprang der Kurs des Set-Top-Boxen-Herstellers von 33,80 Euro auf 41,00 Euro. Doch bald schon kursierten Gerüchte über den Wahrheitsgehalt der Meldung.

dpa-AFX - FRANKFURT Nun hob die "Computerwoche" in der aktuellen Ausgabe die Geschichte auf ihr Titelblatt - und Infomatec korrigierte ihre Ad-hoc nach einem Jahr und drei Monaten. Die damals angekündigten 100.000 Einheiten seien nur als Ziel angepeilt gewesen, verkauft werden sollten tatsächlich 14.000 Stück, sagte eine Infomatec-Sprecherin am Dienstag auf Anfrage von dpa-AFX. "Die Ad-hoc wurde unsorgfältig formuliert. Das ist nie aufgefallen, bis uns jemand darauf aufmerksam gemacht hat."

Kein Einzelfall: Metabox meldete Großaufträge einer unbekannten Investorengruppe, Mediascape verrechnete sich bei den Quartalszahlen. Bintec kündigte in einer Ad-hoc eine Pressekonferenz auf der Computermesse CeBIT an, B.I.D. berichtete von einer weiteren Beteiligung an einem Unternehmen - "Nähere Details in Kürze".

Für das Bundesamt für Wertpapierhandel (BaWe) sind verwirrende oder verdrehte Ad-hoc-Mitteilungen kein Einzelfall. "In letzter Zeit gibt es eine Inflation von Ad-hocs, und es häuft sich der Missbrauch", sagt Sprecherin Regina Nößner. "Manche haben eben erkannt, dass man hier ein geschicktes Marketing-Instrument hat."

Gerade die mehr als 300 am Neuen Markt notierten Unternehmen gelten beim BaWe als "publizitätsfreudig". Da gehen auch schon mal Analysteneinstufungen, bereits mitgeteilte Tatsachen, gestückelte Quartalszahlen oder persönliche Einschätzungen als Neuigkeiten über den Ticker.

Publizitätsfreude ohne Zuwachs an Transparenz

Dabei soll das 1995 eingeführte "Ad-hoc-Publizitätsgesetz" gerade für Transparenz und Chancengleichheit bei den Anlegern sorgen. Nach § 15 des Wertpapierhandelsgesetzes müssen börsennotierte Unternehmen kursrelevante Neuigkeiten unverzüglich veröffentlichen. Tun sie das nicht, droht ihnen ein Bußgeld von bis zu drei Mill. DM.

Nach BaWe-Angaben wurden 1995 gerade einmal 991 Ad-hoc-Meldungen veröffentlicht. Im vergangenen Jahr waren es 3.219. "Der stetige Anstieg ist leider nicht immer mit einem Zuwachs an Transparenz verbunden", berichtet Nößner. Im April 2000 rief die Aufsichtsbehörde sogar die Unternehmen auf, ihre Ad-hocs kurz und knapp zu halten. "Zehn bis 20 Schreibmaschinenzeilen reichen im Schnitt aus", sagt die BaWe-Sprecherin.

Sieben Mitarbeiter überprüfen bei der Behörde die Flut von Ad-hocs. Zwar kann das BaWe im Missbrauchsfalle Unterlassungsverfügungen bei den betroffenen Unternehmen verhängen. Doch für Bußgelder fehlten hier die rechtlichen Grundlagen, sagt Nößner. "Es hat am Anfang niemand damit gerechnet, dass es zu solch einem Missbrauch kommen könnte."

Gerade die jungen Unternehmen hätten Schwierigkeiten, festzulegen, was den Aktienkurs beeinflussen könnte, meint der Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Ad-hoc-Publizität in Frankfurt, Oliver Schumann. "Die Unternehmen sind im Moment ihre eigenen Redakteure." Schlechte Beispiele machten Furore, doch die Qualität der Schnellmeldungen sei eher besser geworden. "Es ist mehr Geduld des Finanzmarktes notwendig."

Reinhild Keitel von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre rät Anlegern zur intensiven Recherche nach der Veröffentlichung von Ad-hocs. "Sie sollten sich in Erinnerung rufen, was das Unternehmen in der Vergangenheit verkündet hat", sagt sie. Ihr Urteil fällt knapp aus: "Kleinanleger sollten unter dem Stichwort Ad-hoc erst einmal nichts erwarten.

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