Missbrauchsskandal
Die Hölle im Steuerparadies

Ein Skandal erschüttert die Kanalinsel Jersey. In einem Kinderheim wurden offenbar Kinder brutal misshandelt. Über 100 Opfer haben sich bereits gemeldet. Polizeibeamte aus London ermitteln seit drei Wochen auf der 90 000 Einwohner-Insel.

GOREY. Mit schnellen Bewegungen aus dem Handgelenk wischt die Besitzerin eines Hotels an der Hauptstraße von Gorey mit dem Schwamm über die weißen Außenwände. "Der Schmutz vom Winter muss ab", sagt die blonde Frau. "Für die Touristen muss alles glänzen, wenn sie in ein paar Wochen kommen." Das Dorf Gorey liegt auf der Ostseite der Insel Jersey, einer der britischen Kanalinseln. Der Frühling hat begonnen. Ginster und Narzissen blühen. Aber um ein sauberes Image bemühen sich die Bewohner der Insel, die bisher als Urlaubs- und Steuerparadies bekannt war, in diesem Jahr wohl umsonst.

Denn die Insel, die gerade einmal 90 000 Einwohner zählt, wird vom wohl größten Kinder-Missbrauchsskandal Europas erschüttert. Im Kinderheim "Haut-de-la-Garenne", das oberhalb von Gorey auf einem Hügel liegt, sollen über Jahrzehnte hinweg Kinder brutalst misshandelt und vergewaltigt worden sein. Polizeibeamte aus London sind seit drei Wochen vor Ort und machen einen Schreckensfund nach dem anderen: eine Kinderleiche vergraben unter dem Haus aus schweren, dunkelbraunen Backsteinen, Spuren von menschlichem Blut im Betonboden, unterirdische Kellerräume, die Folterkammern gleichen.

Über 100 Opfer haben sich bei der Polizei bereits gemeldet. Sie alle galten als schwer erziehbar und kamen deshalb zwischen 1950 und 1986 nach Haut-de-la-Garenne. Dann wurde das Heim aus Kostengründen geschlossen und in eine Jugendherberge verwandelt. "Es war die Hölle. Praktisch jede Nacht wurde einer von uns vergewaltigt oder geschlagen. Wir durften nichts sagen, sonst ging die Misshandlung wieder von vorne los", sagt Peter Hannaford. Der heute 59-Jährige war als Teenager zwölf Jahre in Haut-de-la-Garenne untergebracht.

Noch ist völlig unklar, wie der Missbrauch so lange geheim gehalten werden konnte. Immer wieder hatten sich einzelne Opfer bei der Polizei gemeldet, eine offizielle Untersuchung gab es nie. "In Jersey liegt die politische und die wirtschaftliche Macht in den Händen einer kleinen Gruppe. Wir haben keine klare Trennung von Exekutive und Judikative. Diese Gruppe hat ein ungeheures Interesse daran, das Image der Insel nicht zu beschädigen", sagt Senator Stuart Syvret. Er hatte über Jahre hinweg immer wieder versucht, eine Untersuchung anzustoßen. Erst Ende 2006 begann die Polizei aus London mit Ermittlungen in Jersey.

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