Missmanagement beklagt
Aktionärsschützer gehen mit dem Neuen Markt hart ins Gericht

Vorständen und Aufsichtsräten steht eine turbulente Hauptversammlungssaison ins Haus. Vor allem die Firmen am Neuen Markt müssen sich auf harsche Kritik der Privatanleger gefasst machen. Die meisten der rund 340 Firmen seien von Missmanagement und Unfähigkeit geprägt - in einigen Fällen möglicherweise gepaart mit kriminellen Machenschaften.

mm FRANKFURT/M. Das Vertrauen der Anleger in den Neuen Markt ist tief erschüttert. Daran wird sich nach Meinung der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) vorerst auch nichts ändern. Ulrich Hocker, Hauptgeschäftsführer der DSW, rechnet mit weiteren Hiobsbotschaften von Unternehmen des Wachstumssegments. Während der jetzt anlaufenden Hauptversammlungssaison werde noch einiges an "unangenehmen Nachrichten" ans Tageslicht kommen, warnt der Aktionärsschützer. Mit einer Besserung am Neuen Markt rechnet Hocker deshalb "frühestens Ende 2001".

Angesichts der aktuellen Krise an den Aktienmärkten will die DSW in diesem Jahr erstmals mehr als 1 000 Hauptversammlungen besuchen. "Ich rechne mit einer heißen Saison", machte Hocker klar. Binnen eines Jahres hat der Nemax-50-Index, das Barometer für die 50 schwersten Werte des Neuen Markts, mehr als 80 Prozent an Wert verloren. Hocker zitierte Zahlen der Deutschen Börse, nach denen sich die Einbußen auf insgesamt rund 163 Mrd. belaufen. Für diese "Kapitalvernichtung bisher ungekannten Ausmaßes" sieht die DSW vor allem drei Gründe: Massives Missmanagement bei einem Großteil der Unternehmen, zu lasche Regeln und leichtfertige Emissionsbanken, die zahlreiche unreife Firmen an die Börse gebracht hätten. Allerdings seien auch die Privatanleger nicht völlig schuldlos an der Misere, räumte Hocker ein. Bei einigen Investoren habe "die Gier das Gehirn ausgeschaltet".

Unter den einstigen Hoffnungsträgern am Neuen Markt sieht die DSW nur "einige seltene Edelsteine", die Gewinne erwirtschaften und ihre Prognosen einhalten. Als Beispiele nannte Hocker Werte wie Aixtron, Qiagen, Thiel Logistics, Teleplan und Medion. Die meisten der rund 340 Firmen seien allerdings von Missmanagement und Unfähigkeit geprägt - in einigen Fällen möglicherweise gepaart mit kriminellen Machenschaften. Die DSW kommt zu dem Schluss, dass sich rund 98 % aller Gewinnwarnungen am Neuen Markt auf Managementfehler zurückführen lassen.

Nach Ansicht der Aktionärsschützer hätte die Deutsche Börse dem Neuen Markt von Anfang an strengere Regeln geben sollen. "Wir haben frühzeitig auf die Gefahr hingewiesen, dass sich Großaktionäre nicht an Sperrfristen halten und ihre Aktien - wie im Fall EM.TV - vorzeitig verkaufen", betonte Hocker. Die vorgeschriebene Haltefrist von sechs Monaten sei zu kurz, besser wären zwei Jahre für das Management und ein Jahr für die Finanziers. Auch die am 1. März in Kraft getretene Regelverschärfung genügt den Aktionärsvertretern noch nicht. Die DSW fordert, dass nicht nur Vorstände und Aufsichtsräte sondern auch Familienangehörige und leitende Mitarbeiter den Verkauf von Anteilen melden müssen. Außerdem sollten diese Insider bereits die Verkaufsabsicht und nicht erst die vollzogene Transaktion öffentlich machen. Ansonsten hätten die Aktionäre keine Zeit, rechtzeitig auf geplante Verkäufe zu reagieren.

Als weiteren Schwachpunkt monierte Hocker die zu niedrigen Geldstrafen für Pflichtverletzungen der Unternehmen und verwies erneut auf den Fall EM.TV. Angesichts der 20 Mill. , die EM.TV-Chef Haffa mit seinem Aktienverkauf verdient habe, wirke die Höchststrafe von 100 000 "wie ein Taschengeld". Sollte es weitere Verdachtsmomente für kriminelles Verhalten am Neuen Markt geben, dann will die DSW ähnlich wie bei EM.TV, Metabox und Infomatec die "Erfolgsaussichten für ein gerichtliches Vorgehen prüfen." In den Fällen EM.TV und Infomatec wird es nach Meinung der Aktionärsschützer zu Verurteilungen kommen. "Bis die Anleger Geld sehen, kann es aber noch Jahre dauern", schränkte Hocker ein. Die jetzt laufenden Klagen seien die Nagelprobe, ob der Gesetzgeber nicht nachbessern müsse. Eventuell reichten die bisherigen Regelungen nicht aus, weil sich der Vorsatz nicht nachweisen lasse, erläuterte Hocker. Nach Meinung der DSW müsste dann auch grobe Fahrlässigkeit als Haftungsgrund ins Aktiengesetz aufgenommen werden.

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