Missstände bei der US-Tochter American Re angeprangert
Aktionäre kritisieren Münchener Rück

Der weltgrößte Rückversicherer Münchener Rück sieht noch Chancen, trotz der Probleme in den USA sein Ertragsziel zu erreichen. Aktionäre kritisierten auf der Hauptversammlung das Missmanagement bei der US-Tochter American Re.

mwb MÜNCHEN. Die verlustreiche US-Tochter American Re war gestern das dominierende Thema auf der Hauptversammlung des weltgrößten Rückversicherers Münchener Rück. Vorstandschef Hans Jürgen Schinzler räumte vor den 3500 Aktionären ein, dass das Ergebnis der US-Tochter mit einem Verlust von 863 Mill. Dollar nicht nur wegen der Folgen der Terroranschläge "katastrophal" war. Das neue Management baue den US-Versicherer um, einzelne Geschäftsfelder würden eingestellt und ein Kostensenkungsprogramm eingeleitet. "Ich bin davon überzeugt, dass die Probleme damit nachhaltig gelöst sind", versuchte Schinzler zu besänftigen.

In der vergangenen Woche hatte der Vorstandschef angekündigt, die Schadenrückstellungen der US-Tochter nochmals um zwei Mrd. Dollar und die Vorsorge für die Terrorschäden um weitere 500 Mill. Dollar zu erhöhen. Der neue Chef der American Re, John Phelan, fügte hinzu: "Ich bin fest entschlossen, die Gesellschaft wieder profitabel zu machen. Die Kosten haben wir bereits um 20% reduziert."

Die Aktionäre übten dennoch heftige Kritik. "American Re war ein Desaster", beschwerte sich die Vertreterin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Daniela Bergdolt. Der Kaufpreis von 2,6 Mrd. Euro sei viel zu hoch gewesen und dann mussten auch noch insgesamt 3,5 Mrd. Euro nachgeschossen werden. Das US-Management habe versagt und auch in der Münchener Zentrale habe man sich nicht mit "Ruhm bekleckert".

Der gefürchtete Hauptversammlungsredner und Würzburger Universitätsprofessor Ekkehard Wenger nutzte die Gelegenheit um die Kapitalvernichtung deutscher Unternehmen in den USA anzuprangern. In seiner Kritik sparte er auch Aufsichtsratsmitglied und seit Dienstag Ex-Vorstandschef der Deutschen Telekom, Ron Sommer, nicht aus. Sommer war vor seiner Ablösung auch wegen der milliardenschweren Übernahme des US-Mobilfunkanbieters Voicestream heftig angegriffen worden. Die Münchner Rück habe mit der American Re ihr "eigenes Chrysler", rief Wenger.

"Man ist schlauer, wenn man aus dem Rathaus kommt, als wenn man hineingeht", entgegnete Schinzler der Aktionärskritik. Die Übernahme aus dem Jahr 1996 sei nach wie vor strategisch richtig und wichtig. Für die Münchener Rück sei es unbedingt notwendig, auf dem größten Markt für Rückversicherer vertreten zu sein. Als kurzfristige Investition habe sie sich nicht gerechnet, räumte Schinzler ein, langfristig sehe das anders aus.

Sehr unzufrieden zeigten sich die Aktionäre auch mit dem Aktienkurs. DSW-Vertreterin Bergdolt befürchtet, dass die Münchener Rück angesichts des niedrigen Kurses zum Übernahmekandidat werden könne. "Sie haben uns gewaltig geschädigt", schimpfte ein weiterer Kleinaktionär.

Schinzler verwies darauf, dass der Aktienkurs seit Bekanntgabe der Probleme in den USA in der vergangenen Woche nur um 8 % gefallen sei, wogegen der europäische Versicherungsindex 12 % verloren habe. Auch bei den Analysten sei die Aktie trotz der schwierigen Situation gut angesehen. Es gebe mehr Kauf- als Verkaufsempfehlungen im Markt. Gestern erholte sich die Aktie um 2 % auf 218 Euro.

Bei der von den Aktionären eingeforderten Ergebnisprognose hielt sich Schinzler zurück. Er verwies darauf, dass das Unternehmen das gesetzte Ziel eines Gewinns von 1,7 Mrd. Euro noch erreichen könne. Allerdings hätten darauf die Kapitalmärkte großen Einfluss.

Das Rückversicherungsgeschäft insgesamt habe sich im ersten Halbjahr erfreulich entwickelt, bekräftigte Schinzler. Hier erwarte der Konzern im Gesamtjahr ein Umsatzwachstum von 11 % auf 24,6 Mrd. Euro. In der Erstversicherung (Ergo) rechne die Münchener Rück mit einer Steigerung des Umsatzes um knapp 5 % auf etwa 16,5 Mrd. Euro.

Das Ergebnis werde wegen der schwachen Kapitalmärkte aber deutlich niedriger als 2001 ausfallen. In der Erstversicherung profitiere die Münchener Rück von der Vertriebspartnerschaft mit der Hypo-Vereinsbank. In den ersten sechs Monaten 2002 seien bereits mehr als 65 000 Ergo-Versicherungen über die Filialen der HVB verkauft und die gesetzten Ziele damit übertroffen worden.

VW-Vorstandschef Bernd Pischetsrieder und das ehemalige Mitglied der Europäischen Kommission, Karel van Miert, wurden als Nachfolger von Ferdinand Piëch und dem ehemaligen Dresdner-Aufsichtsratschef, Alfons Titzrath, in den Aufsichtsrat gewählt.

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