Misstrauen gegenüber Bilanzen
AT&T bietet Renditen auf Junk-Bond-Niveau

Die in vier Jahren fällige Euro-Anleihe des US-Telekomkonzerns AT&T rentiert derzeit mit knapp zehn Prozent - äußerst viel für einen Bond, den die Ratingagenturen als Investitionsklasse einstufen. Die Angst vor Bilanzfälschungen ließ die Renditen aller Bonds von AT&T nach dem Debakel um Worldcom kräftig steigen.

FRANKFURT/M. Anleger, die auf der Suche nach hohen Anleihe-Renditen sind, werden bei den Bonds von American Telephon & Telegraph (AT&T Corp) fündig. Die größte überregionale Telefongesellschaft der USA ist zwar überwiegend in Dollar verschuldet, hat jedoch auch eine Anleihe in Euro ausstehen. Der im November vergangenen Jahres begebene Bond über insgesamt 2 Mrd. Euro wird im November 2006 fällig und rentiert derzeit mit 9,81 %. Solche Renditen bieten sonst nur Anleihen, die von den Ratingagenturen als risikoreiche Spekulationsklasse oder Junk-Bond eingestuft werden. Dabei bescheinigen Standard & Poor?s (S&P) und Moody?s dem Telefonriesen mit BBB+ bzw. Baa2 eine mittlere Bonität, die noch drei bzw. zwei Stufen über der Spekulationsklasse liegt.

"Die Bonds wurden abgestraft, weil AT&T ein Telekomkonzern und dazu noch ein US-Unternehmen ist", erklärt Stephan Molt, Kreditanalyst bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). In den USA ist der Telekommarkt besonders umkämpft. Gerade um das Festnetzgeschäft konkurrieren große Anbieter mit lokalen, den so genannten Baby Bells. Dabei sind davon viele erst durch die Abspaltung von AT&T entstanden als das amerikanische Kartellgericht 1984 die Teilung des Monopolisten AT&T anordnete.

Analysten: US-Telekomfirmen untergewichten

Wegen der hohen Konkurrenz und der schwachen Geschäftsaussichten für den Rest des Jahres empfehlen JP Morgan und die Deutsche Bank in New York allgemein, die Anleihen von US-Telekomfirmen unterzugewichten. AT&T sieht die Deutsche Bank dabei jedoch als neutral mit positiven Aussichten an. Dabei setzen die Analysten unter anderem auf den hohen Marktanteil von AT&T. Zusätzliches Kundenpotenzial für AT&T sehen die Analysten, nachdem Worldcom im Juli Insolvenz angemeldet hat. Lehman Brothers empfiehlt, AT&T-Anleihen überzugewichten.

Richtig unter Druck gerieten die Bonds von AT&T Ende April, nachdem der Ex-Monopolist einen Quartalsverlust veröffentlicht hatte. Investoren fürchteten, der Konzern könne sein Investment-Grade-Rating verlieren. Zudem untersuchte die US-Börsenaufsicht SEC schon damals die Bilanzen von Worldcom. Worldcom wurde Anfang Mai auf Junk-Bond-Niveau herabgestuft.

Moody's senkt Rating von AT&T

Ende Mai senkte Moody?s das Rating von AT&T um gleich zwei Stufen von A3 auf das aktuelle Baa2. Die Ratingaussichten sind - wie auch bei S & P - negativ. Moody?s begründete die Herabstufung unter anderem mit der Konkurrenz der regionalen Anbieter und den schwachen Umsatzaussichten. Als Worldcom dann Ende Juni die Bilanzfälschungen zugab, sackte der Kurs der Euro-Anleihe von AT&T auf 83 % ab.

Analyst Molt hält die Anleihe für interessant, obwohl die LBBW in ihrem Musterdepot für den Bond einen Stop-Loss bei einem Kurs von 90 % gesetzt hatte. Ein Problem sei jedoch das generelle Misstrauen der Investoren gegenüber den Bilanzen von US-Unternehmen, erklärt Molt.

Moody's sieht Fortschritte bei Schuldenabbau

Moody?s bescheinigt indes AT&T große Fortschritte bei der Schuldenreduzierung. Seit Ende 2000 hat die Gesellschaft den Schuldenberg um 20 Mrd. US-Dollar abgebaut und die Restrukturierung vorangetrieben. Das Unternehmen will die Geschäftsfelder Festnetz, Kabel und Mobilfunk auf selbstständige Gesellschaften übertragen. Dabei wurde das Mobilfunkgeschäft mit AT&T Wireless bereits im vergangenen Jahr erfolgreich abgespalten. Die Fusion des Kabelgeschäfts mit dem US-Kabelunternehmen Comcast läuft bereits und sollte bis spätestens Ende des Jahres abgeschlossen sein, meint Scott Shiffman, Kreditanalyst bei Lehman Brothers in New York. Anschließend würde das Festnetzgeschäft von der Tochtergesellschaft AT&T Communications Services übernommen. Wenn dies soweit sei, werde unter anderen die Euro-Anleihe auf AT&T Communications Services übertragen, allerdings zu unveränderten Bedingungen, sagt Shiffman. AT&T Communications Services hat nach Shiffmans Berechnungen Schulden über nur 15,5 Mrd. Dollar. 2003 sollten diese auf 8,7 Mrd. Dollar abgebaut werden. Das aktuelle Rating sei damit völlig gerechtfertigt.

Ältere Anleihen von AT&T werden derzeit wegen der Fusion mit Comcast umgeschuldet. "Dafür bekommen die Bondbesitzer voraussichtlich einen höheren Kupon", erklärt Shiffman. Die Bedingungen der Euro-Anleihe würden sich dagegen nicht ändern, weil diese bereits einen so genannten Step-up-Kupon hat: Dabei haben sich die Zinsscheine automatisch erhöht, nachdem die Ratingagenturen ihre Bonitätsurteile nach unten revidierten. Für Privatanleger gilt der Bond deshalb steuerlich als so genannte Finanzinnovation. Deshalb sind Kursgewinne in jedem Fall steuerpflichtig.

Quelle: Handelsblatt

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
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