Mit dem kantigen Bayern aber steht der SPD nun der schwierigere Kandidat gegenüber: „Where is the beef ?“

Mit dem kantigen Bayern aber steht der SPD nun der schwierigere Kandidat gegenüber
„Where is the beef ?“

Merkel wäre Schröders Wunschgegnerin gewesen. Jetzt versucht die SPD, Stoiber in die rechte Ecke zu drücken. Der Kanzler mahnt zur Ruhe, doch die Nervosität ist spürbar.

BERLIN. Der soll nur kommen", knurrte SPD-Fraktionschef Peter Struck, "der Stoiber wird sich noch wundern." Mit grimmiger Entschlossenheit reagierte auch Franz Müntefering auf die Entscheidung in der K-Frage. Stoiber sei ein "Spalter", tönte der SPD-Generalsekretär, er wolle die Mitbestimmung schleifen, Ökosteuer und Atomausstieg rückgängig machen sowie den Kündigungsschutz beschneiden. Mit einem Wort: Die Union habe sich in der Wahl zwischen Merkel und Stoiber für die "reaktionäre" Variante entschieden, für einen Mann, der falsche Angaben über die Arbeitslosigkeit mache und sich so gleich am ersten Tag als "Lügner" entlarve.

Keine Frage, die heimliche Wunschgegnerin von Bundeskanzler Gerhard Schröder wäre Angela Merkel gewesen. Mit dem kantigen Bayern aber steht der SPD nun der schwierigere Kandidat gegenüber. Dass Stoiber als erfolgreicher Ministerpräsident dem von Abschwung und Job-Misere geplagten Kanzler gar gefährlich werden könnte, mochte zwar keiner der Spitzengenossen am Wochenende einräumen. Die harschen Reaktionen auf Stoibers Sieg im Kandidatenwettlauf der Union zeigen aber deutlich, wie groß die Nervosität im SPD-Lager wirklich ist.

Selbst Gerhard Schröder, der die Genossen während des unionsinternen Kandidatenstreits noch zu gelassener Zurückhaltung gemahnt hatte, schoss sich bereits letzte Woche vor der Bundestagsfraktion mit scharfer Munition auf seinen Herausforderer ein. In Wirklichkeit gehe es im "Kampf der Konservativen" um eine Neuausrichtung der politischen Linie, ja um eine "unfreundliche Übernahme der CDU durch die CSU", impfte Schröder den SPD-Parlamentariern ein. Stoiber sei Teil einer verhängnisvollen Entwicklung, die mit dem Österreicher Jörg Haider begonnen habe und sich über den Italiener Silvio Berlusconi bis hin zum Hamburger Rechtspopulisten Ronald Schill fortsetze.

Auch in Interviews verteilte Schröder reichlich starken Tobak: Stoiber gehöre noch zum "Spitzenpersonal der Kohl-Ära", höhnte der Kanzler im "Spiegel". "Ein Kandidat Stoiber wird die Gesellschaft polarisieren" und stehe "für die Radikalisierung der demokratischen Rechten", giftete der Wahlkämpfer Schröder.

Warum das SPD-Spitzenpersonal am Wochenende sogleich mit aller Macht versuchte, den Unionskandidaten in die rechte Ecke zu drängen, verriet der Kanzler in einem Halbsatz: Stoiber gebe "die politische Mitte preis", analysierte Schröder. Diese Losung wird sich wie ein roter Faden durch das Wahlkampfkonzept ziehen. Schröders "neue Mitte" gegen Stoibers rechte Truppen - das wäre ganz nach dem Geschmack der Genossen.

Doch je kräftiger die SPD den "Rechtsrutsch" an die Wand malte, desto auffälliger bemühte sich Stoiber um Sachargumente. Nüchtern und mit betont ruhiger Stimme erklärte der frisch gekürte Kandidat den Fernsehzuschauern, warum Schröder seine Versprechen nicht erfüllt und deshalb eine Abwahl verdient habe. Die gewohnte Aggressivität des berüchtigten Eiferers und Bierzeltredners war wie weggeblasen - der CSU-Chef will die SPD erkennbar ins Leere laufen lassen.

"Der Stoiber hat jetzt erst mal Kreide gefressen", konstatierte prompt ein erfahrener SPD-Berater, "aber das wird der nicht lange durchhalten." Schon beim Zuwanderungsthema müsse er in Kürze "Farbe bekennen". Entweder Stoiber blockiere, stelle sich gegen Ausländer, Wirtschaft und Kirchen - oder er gebe am Ende klein bei.

Obwohl am gestrigen Sonntag erste Umfragen auftauchten, die Stoiber in wichtigen Politikfeldern einen Kompetenzvorsprung vor Schröder einräumten, mahnte der SPD-Chef dann im Präsidium zu Gelassenheit. Bloß nicht hektisch werden, sondern stattdessen in demonstrativer Ruhe mit der Regierungsarbeit fortfahren, ordnete Schröder an. Wichtigster Punkt sei der Arbeitsmarkt. Deshalb konzentrierten sich die gestrigen Beratungen im Präsidium auf das Kombi-Lohn-Modell.

Um die Wahlkampfstrategie wird es am heutigen Montag im Vorstand gehen. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass Stoiber mit "seinen unseriösen Versprechungen konfrontiert" werden soll, so ein SPD-Berater. Wegfall der Ökosteuer, Vorziehen der Steuerreform, weniger Sozialabgaben, dafür aber 600 Euro Familiengeld - die Union solle klar sagen, wie sie das alles bezahlen wolle. "Where is the beef?", laute am Ende doch die Frage, meinte Schröder. Wegen Stoiber gebe es zwar jetzt "eine Phase der Euphorie", so Schröder, aber dem "folgt auch wieder die Ernüchterung".

Daniel Goffart
Daniel Goffart
Handelsblatt / Ressortleiter
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