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Mit dem Sheriff zur Arbeit

Sein Hemd und seine Hose sind grau, als wären sie mit Präriestaub bedeckt. Sein Hut ist groÃ, viel gröÃer als die Cowboy-Deckel, die man in den Touristen-Läden bekommt.

Sein Hemd und seine Hose sind grau, als wären sie mit Präriestaub bedeckt. Sein Hut ist groÃ, viel gröÃer als die Cowboy-Deckel, die man in den Touristen-Läden bekommt. An seiner Hüfte hängt eine Pistole in einem schwarzen Halfter. Locker lehnt er mit dem Rücken an der Trennwand des zweiten Wagens im Vorortzug nach Manhattan. Sein freundliches, entspanntes Gesicht vermittelt genau jene Sicherheit, die er den Fahrgästen auf dem Weg zur Arbeit geben soll. Der âSheriffâ an der Tür ist in Wahrheit ein Staatspolizist aus Connecticut, der die Pendler vor Terrorgefahren schützen soll.

Lange Zeit beschränkte sich seine Arbeit offenbar nur darauf, durch den Zug zu gehen und durch seine Präsenz Sicherheit auszustrahlen. Die Selbstmordanschläge von London haben jedoch die ohnehin schon hohe Alarmbereitschaft in New York noch einmal erhöht. âDie Polizei kann ihr Gepäck unangekündigt durchsuchen. Bitte haben sie dafür Verständnisâ, schallt es jetzt morgens aus dem Lautsprecher auf dem Bahnsteig. Die Pendler nehmen es zur Kenntnis und widmen sich wieder ihrer morgendlichen Zeitungslektüre. Was bleibt ihnen anderes übrig?

Bis zum Bahnhof Grand Central in Manhattan begleitet mich der âSheriffâ aus dem Zug. Dort angekommen fällt der Blick auf die Nationalgardisten, die in Kampfanzügen und mit Maschinengewehren den groÃen Bahnhof im Herzen New Yorks bewachen. Auch hier geht es vor allem darum, bei den Abertausenden von Pendlern und Reisenden das Gefühl von Sicherheit zu verbreiten. Ob sie tatsächlich einen Selbstmordattentäter entdecken und unschädlich machen könnten, mag man bezweifeln.

In der Untergrundwelt der New Yorker U-Bahn übernehmen dann die Cops von der NYPD die Ãberwachung. Meist zu zweit patrouillieren sie auf den Bahnsteigen. Bei Temperaturen von fast 40 Grad ist das kein Zuckerschlecken. An ihren Gürteln hängen neben den Pistolen seit einigen Monaten schwarze Taschen. Darin befindet sich â so hört man â ein Notfall-Kit für einen ABC-Anschlag. Für diejenigen, die in ihren Aktentaschen allenfalls eine Sonnenbrille und eine Flasche Wasser haben, ist das nicht unbedingt eine Beruhigung. Die Atmosphäre in der U-Bahn gleicht ohnehin einer gespannten Ruhe. Viele mustern ihre Mitreisenden, achten auf Rucksäcke und groÃe Taschen. Bei einigen spürt man förmlich die Erleichterung, wenn sie den Zug endlich verlassen können.

Zurück im Tageslicht in Sichtweite von Ground Zero sind bereits die nächsten âSheriffsâ bei der Arbeit. Die Polizisten von der Highway Patrol haben nahe der Wall Street eine StraÃensperre errichtet und kontrollieren alle Lieferwagen und Lkw. Das machen sie nun schon seit Jahren, um Anschläge mit einer Autobombe zu verhindern. So erreiche ich zwar gut bewacht mein Büro im World Financial Center â wirklich sicher aber fühle ich mich nicht. Auch wenn mein âSheriffâ aus der Vorortbahn abends bereits wieder auf mich wartet.

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