Mit den Kursen sinkt die Kauflust
Börsenkrise gefährdet den Aufschwung in den USA

Der amerikanische Traum vom automatischen Reichtum ist geplatzt: Der Börsencrash lässt viele Anleger verbittert und deutlich ärmer zurück. Die Vermögensverluste werden zur Gefahr für die ganze Wirtschaft.

NEW YORK. René Mayer hat noch einmal Glück gehabt. Der Verkäufer beim Yachthändler Hellier in New London an der Atlantikküste Connecticuts ist der Börsenflaute quasi davongesegelt. "Unsere Saison ist zum Glück schon vorüber", sagt er, "es kommen jedoch einige Kunden wieder und bereuen jetzt die teure Anschaffung angesichts der Kurseinbrüche an der Wall Street."

Der Verkauf von Segelyachten war in der Vergangenheit stets ein guter Frühindikator für die Auswirkungen der Börsenentwicklung auf die Wirtschaft. "Wer eine Luxusyacht kauft, fühlt sich reich", sagt Mayer.

Reich fühlen sich viele Amerikaner heute nicht mehr. Der massive Kurseinbruch an den Börsen hat die Anleger in wenigen Wochen um mehr als 2 000 Milliarden Dollar ärmer gemacht. Mehr als 80 Millionen Amerikaner haben Geld in Aktien angelegt - das ist jeder zweite Haushalt in den USA. Vom Pensionär Leonard Bentley aus Santa Clarita, dessen Altersvorsorge um ein Drittel geschrumpft ist, bis zum Börsen-Junkie Steve Archer aus Santa Barbara, dessen erste Million sich binnen zwei Jahren in Luft aufgelöst hat. Aber auch wer damals nur 10 000 Dollar in einen diversifizierten Aktienfonds investiert hat, findet heute noch 2 200 Dollar davon wieder.

Zählt man die Einzelschicksale der Börsenkrise zusammen, erwächst daraus eine Gefahr für die gesamte US-Wirtschaft. Die Vermögensverluste dämpfen nämlich die Konsumfreude der Verbraucher und verderben die Investitionslust der Unternehmen. Das kann gravierende Folgen haben: "Die Aktienschwäche hat den Boden für ein deutlich schwächeres Wirtschaftswachstum im zweiten Halbjahr bereitet", sagt Ethan Harris, Chefökonom der New Yorker Investmentbank Lehman Brothers. Harris hält einen Wachstumsverlust von bis zu zwei Prozentpunkten für möglich.

Die Börse hat sich damit innerhalb von zwei Jahren vom Konjunkturmotor zur Wachstumsbremse entwickelt. Verantwortlich dafür ist der so genannte Wohlstandseffekt, der in Zeiten des Aktienbooms die Amerikaner reich und konsumfreudig machte, sich jetzt jedoch in sein Gegenteil verkehrt. Bislang deutete nur das schwächer werdende Verbrauchervertrauen auf eine Abschwächung des Konsums hin. So ist die Zuversicht der Konsumenten im Juli auf den niedrigsten Stand seit sechs Monaten zurückgegangen. "Wenn der Trend anhält, müssen wir uns wirklich Sorgen machen", sagt Gail Fosler, Chefökonomin beim Forschungsinstitut Conference Board. Für US-Notenbankchef Alan Greenspan sind die schlechten Umfragewerte dagegen noch kein Grund zur Besorgnis: "Entscheidend ist nicht, was die Leute sagen, sondern was sie tun", sagte er kürzlich vor dem Kongress und verwies auf die robusten Einzelhandelsumsätze im Juni.

Die jüngsten Signale aus der Wirtschaft dürften jedoch auch den Datenfetischisten Greenspan beunruhigen. Nach einer aktuellen Untersuchung der Investmentbank UBS Warburg sind die Umsätze der großen Handelsketten in der vergangenen Woche um 0,4 Prozent gesunken. Ob Wal-Mart, Target oder Sears - alle großen US-Einzelhändler spüren eine deutliche Kaufzurückhaltung.

Für Jerry Sobel, Chef des Edel-Restaurants 14 Wall Street, ist die Börsenflaute ein weiterer Rückschlag: "Erst die Terroranschläge und jetzt der Aktiencrash", schimpft er. In seinem Lokal im 31. Stock direkt neben der New Yorker Börse sind nur wenige Tische besetzt. "Vor allem die Dinner-Partys bleiben aus. Die Leute drehen den Dollar zweimal um."

Unter Ökonomen ist die Bedeutung der Börse für die Konjunktur höchst umstritten. Von Wirtschaftsprofessor Paul Samuelson stammt der berühmte Satz, wonach die Börse neun der vergangenen fünf Rezessionen vorausgesehen habe. Die US-Notenbank geht davon aus, dass jeder Dollar, der an der Börse verloren geht, den Konsum lediglich um etwa 3,5 Cent drückt - und das verteilt über mehrere Jahre. Notenbank-Chef Greenspan hält deshalb den Wohlstandseffekt des Immobilienvermögens auf den Konsum für viel wichtiger: Die enormen Preissteigerungen für Häuser gleichen nach Greenspan die Vermögensverluste an der Börse aus.

Weitaus weniger optimistisch sind die Ökonomen Bill Dudley und Jan Hatzius von der Investmentbank Goldman Sachs. Ihrer Meinung nach wird die Börsenschwäche nicht nur die Sparquote der Verbraucher erhöhen und deren Konsum mindern. Vielmehr müssten auch viele Unternehmen die Börsenverluste ihrer Pensionskassen durch Barzuschüsse ausgleichen. "Das Geld fehlt dann für Investitionen", fürchten Dudley und Hatzius. Nach Berechnungen der Investmentbank Morgan Stanley würde ein Vermögensverlust der Pensionsfonds von fünf Prozent ein Loch von 150 Milliarden Dollar in die Pensionskassen reißen.

Auch Yachtverkäufer Mayer weiß, dass er der Börsenflaute nicht entrinnen kann: "Die Bootsmessen im Herbst dürften schwierig werden."

Quelle: Handelsblatt

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